Glasflügler – unbekannt und doch überall!

Wer glaubt, er hätte hierzulande schon alles gesehen was kreucht und fleucht,  der liegt eigentlich immer falsch. Es gibt Tierarten, die entziehen sich fast allen Nachstellungen – bis jemand die richtige Methode findet.
Schlägt man ein Buch über Nachtschmetterlinge auf, begegnen einem meist auf den ersten Seiten ein paar Formen, die nach allem möglichen aussehen, nur nicht nach Schmetterling: Durchsichtige, schmale Flügel, ausgeprägte gelbe Ringe auf dem Hinterleib: Die Glasflügler sehen den einheimischen Faltenwespen zum verwechseln ähnlich, im Fachchinesisch nennt man so etwas Mimikry: Ein harmloses Tier profitiert von der Nachahmung eines wehrhaften oder ungenießbaren Tieres, täuscht so seine Feinde.

Paranthrene tabaniformis, Haan, Grube 10, 17. 7. 2011 (Foto: Armin Dahl)

Keine Wespe, sondern ein Schmetterling: Kleiner Pappel-Glasflüglel - Paranthrene tabaniformis, Haan, Grube 10, 17. 7. 2011 (Foto: Armin Dahl)

Der bekannteste einheimische Glasflügler hat denn auch gleich einen entsprechend gefährlichen Deutschen Namen bekommen: „Hornissenschwärmer“. Und wer schon mal einen Falter dieser Art zu Gesicht bekommen hat, der wird es bestätigen: Man muss sich schon überwinden, das riesige, aggressiv aussehende Biest in die Hand zu nehmen, das einer Hornisse zum Verwechseln ähnlich sieht. Ausschlupflöcher und Kokons des Hornissenschwärmers kann man sehr leicht finden, die Art erzeugt bleistiftdicke Löcher am Fuß von dickeren Pappeln. Dort findet man auch die Falter und Puppenhüllen, die Art schlüpft normalerweise um Mitte Mai herum.

Leben im Verborgenen
Die meisten anderen Arten sind jedoch viel kleiner, und alle sind natürlich vollkommen harmlos, haben sie doch als Schmetterling natürlich KEINEN Stachel oder Stechrüssel.

Alle Glasflügler-Raupen leben im Inneren von Pflanzen, bevorzugt an Stellen wo der Saft der Pflanze besonders reichlich fließt: im Nährgewebe direkt unter der Rinde, an Stellen wo die Pflanze Verletzungen reparieren will oder auch in Stümpfen, Knickstellen oder  Stockausschlag. Eine ganze Reihe von Arten findet sich in Pflanzengallen, die durch Virusinfektionen hervorgerufen werden und in denen das Pflanzengewebe ordentlich wuchert. Dort sitzen die Larven dann wie die Maden im Speck, bewegen sich meistens nicht allzuweit von der Stelle, und werden von der Pflanze mit Nahrungssaft versorgt. Von außen sieht man meist nur etwas ausgeworfenes Bohrmehl oder feine Nagespäne. Einige Arten leben aber auch in den Pflanzen, ohne dass man von außen überhaupt etwas zu sehen bekommt, hier muss man Schlupflöcher oder die frischen Puppenhüllen suchen, um die Art nachzuweisen.

Schlupfgang des Schneeball-Glasflüglers: Das Loch in der Mitte ist rund, durch das Dickenwachstum wird der äußere Teil oval verzerrt (Foto: Armin Dahl)

Schlupfgang des Schneeball-Glasflüglers: Das Loch in der Mitte ist rund, durch das Dickenwachstum wird der äußere Teil oval verzerrt (Foto: Armin Dahl)

Die ausgeschlüpften Falter sieht man in freier Wildbahn nur sehr selten, entweder nach dem Schlupf in der Nähe der Wirtspflanze, auf Blüten oder in der Vegetation ruhend. Typisches „Glasflüglerwetter“ sind schwülwarme oder heiße Tage, die meisten Arten fliegen erst am Nachmittag bis in den frühen Abend hinein.

Wie bekommt man einen Glasflügler aus der Deckung?
Sex ist die Triebkraft mit der man nicht nur Schmetterlinge locken kann: Ein unbefruchtetes Schmetterlingsweibchen übt eine hohe Anziehungskraft auf alle Männchen in der Umgebung aus, denn es verströmt ein Parfüm, der die Herrschaften geradezu magisch anzieht: Pheromone. Diese Sexuallockstoffe wirken über große Entfernungen, und in unvorstellbar geringen Konzentrationen: Bereits einige wenige Moleküle des Duftstoffs lösen angeblich in den Sinnesorganen der Männchen einen Alarm aus.

Keine Wespe: Der Himbeer-Glasflügler hat stark gefiederte Antennen

Auch keine Wespe: Der Himbeer-Glasflügler hat stark gefiederte Antennen (Foto: Armin Dahl)

Die Duftstoffe haben aus Sicht des Laien unaussprechliche Namen wie zum Beispiel (E,Z)-2,13-Octadecadienylacetate, dahinter verbirgt sich eine relativ simple Chemische Verbindung, die in der grafischen Darstellung aussieht wie eine Zieharmonika.

Octadecadienylacetat: Glasflügler-Pheromon aus 18 ("octadeca") Kohlenstoffatomen in Verbindung mit Essigsäure. Die Position der Doppelbindungen (hier: 2,13) variiert von Art zu Art.

Octadecadienylacetat: Glasflügler-Pheromon aus 18 ("octadeca") Kohlenstoffatomen in Verbindung mit Essigsäure. Die Position der Doppelbindungen (hier: 2,13) variiert von Art zu Art.

Einer der Pioniere der Forschung über die Duftstoffe bei Glasflüglern war Ernst Priesner am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts an viele Forscher Proben von Pheromonen verschickte. Dadurch nahm die Erforschung der Glasflügler einen sagenhaften Aufschwung, denn seither ist es leicht, Glasflügler aus der Deckung zu locken. Die Zeiten in denen man die Pheromone noch geschenkt bekam sind allerdings vorbei: Ernst Priesner ist 1994 in den Alpen verschollen, und vom berühmten Institut in Seewiesen ist heute nur noch die Ornithologie-Abteilung übrig geblieben.

Was die Schmetterlinge in ihren Drüsen in winzigen Mengen produzieren, wird heute in patentierten Verfahren hergestellt. Die fertigen Wirkstoffe werden in Gummipfropfen oder Plastikkapseln eingebracht, aus denen sie langsam verduften, ähnlich wie ein Weichmacher bei Kunststoffen. Wenn man die Präparate nach Gebrauch in die Kühltruhe packt bleiben sie über Jahrzente wirksam.

Mittlerweile gibt es für Schmetterlings-Pheromone eine regelrechte Industrie, an der holländischen Universität Wageningen kann man Fallen und Lockstoffe en gros bestellen. Für Maiszünsler, Traubenwickler und andere sogenannte Schädlinge existieren standardisierte Nachweisverfahren auf Pheromon-Basis, für (gegen!) die Kastanien-Miniermotte gibt es Lockstoff schon in größeren Baumärkten. Schmetterlinge richten in der industrialisierten Landwirtschaft riesige Ernteschäden an, Pheromone werden als umweltfreundliche, billige und wirksame Bekämpfungsmethode gegen Schädlinge angewendet, zum Beispiel im Weinbau, der heute ohne Insektizide auskommt.

Auch unter den einheimischen Glasflüglern gibt es einige Arten, die in Monokulturen schon mal marodieren und damit zum Schädling werden: Der Apfelbaum-Glasflügler findet in maschinell gepflegten Apfelplantagen reichlich Schnitt- und Quetschstellen an den Bäumen, legt dort seine Eier ab und vermehrt sich prächtig. Vor allem im Intensiv-Obstbau mit gepfropften Turbo-Sorten kommt es regelmäßig zum Absterben von einzelnen Bäumchen. Auch Himbeer- und Johannisbeer-Glasflügler können Ertragsverluste in Monokulturen verursachen. Im Hausgarten spielen Schäden durch die Glasflügler keine Rolle.

Pheromonfalle im Einsatz

Pheromonfalle im Einsatz (Foto: Armin Dahl)

In Deutschland gibt es über 30 verschiedene Glasflügler-Arten, weit verbreitete wie den „Hornissenschwärmer“, aber auch wärmeliebende Arten mit Anpassungen an spezielle Pflanzenarten, die nur am Kaiserstuhl in Südbaden und an ein paar anderen extrem warmen Plätzen fliegen. In den älteren Schmetterlingssammlungen sind Glasflügler ausgesprochen selten, meist gingen sie nur durch Zufall in die Netze der Sammler.

Aktuell umfasst die Liste der Glasflügler der Welt über 1500 Arten, und es werden alljährlich neue Arten beschrieben, auch in Europa ist noch längst nicht alles erforscht. Auch in der traditionell schmetterlingsarmen Niederbergischen Region zwischen Duisburg, Wuppertal und Leverkusen kann man  einige häufige Arten leicht beobachten, so wie zuletzt auf der AGNU-Exkursion in der Grube 10. Mehr dazu findet Ihr im internet unter www.heidelandschaft.de

weitere Links:
Pherobank Wageningen: http://www.pri.wur.nl
Bilder von allen Arten: http://www.lepiforum.de
Franz Pühringers Sesienseite: http://www.sesiidae.net/
Pheromone im Weinbau (.pdf): https://www.landwirtschaft-bw.info
Patent: Octadecadienylacetat
MPI Seewiesen: http://orn.iwww.mpg.de/3179/Standort_Seewiesen

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2 Antworten zu Glasflügler – unbekannt und doch überall!

  1. Lothar Gehroldt schreibt:

    zum Thema Fangmethoden bei Insekten interessiere ich mich für Pheromonfallen, insbesondere für Apfelbaumglasflügler, aber auch andere, insbesondere interessieren mich Bezugsquellen, da ich selbst fangen und filmen will.

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