Ecuador: Ankunft im Regenwald

Vor etwa drei  Wochen bin ich gut in meiner Häuseransammlung / Gemeinde namens San Jose de Saloya angekommen, welche 1200m über dem Meeresspiegel liegt und nur  zwei Stunden Fahrzeit von der Hauptstadt Quito entfernt ist.

Die Familie
Meine Gastfamilie besteht aus der Hausfrau Araselli (46), ihrem Ehemann Merdado (56), welcher Mathe- und Physik am Collegio unterrichtet, meinen Gastschwestern Vanessa (19) und Gabriela (24), welche in Quito studieren sowie Erik (22), der hier auf der Finca mitarbeitet.
Außerdem wohnen in der direkten Nachbarschaft meine Großeltern, welche zwar auf die 80 zugehen, aber trotzdem noch sehr aktiv sind sowie circa 15 weitere Familienmitglieder mütterlicherseits. Auch Lukas, ein anderer Freiwilliger aus Deutschland, wohnt bei meinen Gastgroßeltern, ist also mein „Onkel“.

Von Anfang an war meine neue Gastfamilie sehr offen, hilfsbereit und warmherzig, sodass mir das Einleben nicht sehr schwer gefallen ist.

Mir gefällt das Leben in dieser Großfamilie (meine Großeltern haben 10 Kinder!) sehr gut, denn es ist immer etwas los! (Foto: Julia Seidel)

Meine Großeltern besitzen eine 120 Hektar große Farm. Allerdings wird heute nur noch ein Bruchteil für Milchkühe, Fisch- und Meerschweinchenzucht genutzt. Früher haben bis zu 10 Arbeiter zusätzlich Bananen- und Naranjillaplantagen (Diese mit den Tomaten verwandte Frucht gibt es in Deutschland nicht!) bestellt. Diese Produktion wurde aus finanziellen Gründen eingestellt, da die Böden durch die einseitige Bestellung total ausgelaugt waren, dadurch die Erträge sanken und außerdem die Verkaufspreise auf Dauertief waren.
Somit leben hier alle ein gemütlich(er)es Bauernleben, aber es gehört noch zur Tradition, am Sonntag selbst einige Hühner vom Hof zu fangen, zu schlachten, auszunehmen und anschließend alles (die Innereien sind besonders beliebt!) zu verspeisen.
Außerdem habe ich schon melken gelernt, was gar nicht so einfach ist wie es aussieht: Hier wird generell alles von Hand erledigt!

„Profesora!!!
Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass ich damit gemeint bin!
An 4 Tagen die Woche unterrichte ich in zwei verschiedenen Dorfschulen („Basica“), welche 5 bzw. 18km von meinem Haus entfernt sind. Die „Basica“ entspricht der deutschen Grundschule und umfasst die Klassen 1 bis 7. Hier werden die Kinder in der Regel mit fünf Jahren eingeschult und der Stundenplan ist dem deutschen sehr ähnlich (Muttersprache, Mathe, Naturkunde, Sport, Englisch, Kunst und später auch Geschichte).
Es gibt allerdings auch sehr große Unterschiede! Dadurch, dass das Land nur sehr dünn besiedelt ist, sind die Schulen sehr klein – In meinem Fall nur 8 bzw. 35 Schüler. Das hört sich erstmal sehr toll an, wenn man aber bedenkt, dass alle diese Schüler von einer bzw. von zwei Lehrerinnen/Lehrern unterrichtet werden, kann man sich vorstellen, wie inhomogen die Lerngruppen sind.
So muss eine Lehrerin gleichzeitig alle sieben Klassenstufen unterrichten, was fast unmöglich ist, denn während die Großen die ersten chemischen Grundlagen lernen, üben die Kleinen schreiben und bei den anderen steht Geschichte auf dem Stundenplan und so weiter…
Der Unterricht kann somit immer nur aus Einzelarbeit und Kurzvorträgen des Lehrers bestehen!
Meine Aufgabe ist primär der Englischunterricht, da zwar Englisch auf dem Lehrplan steht, die Lehrer selbst aber kein Englisch beherrschen. Außerdem unterrichte ich auch Handarbeiten und es besteht auch die Möglichkeit, einen Schulgarten anzulegen und die Kinder mit Recycling vertraut zu machen.

Jedoch habe ich in den letzten Wochen gemerkt, dass die Kinder an meinen Schulen überhaupt kein Mathe können. Es gibt 11-jährige, die nicht richtig schriftlich dividieren können, aber im Lehrplan steht schon längst Wahrscheinlichkeits- und Bruchrechnung! Das Problem ist, dass der Schulleiter selbst keine Bruchrechnung beherrscht, aber auf der weiterführenden Schule wird auf diese individuellen Defizite keine Rücksicht mehr genommen werden können. Also habe ich mich dazu entschieden, nachmittags dem Schulleiter Einzel-Matheunterricht zu geben!

Die Arbeit mit den Kindern macht mir großen Spaß, auch wenn es für mich manchmal eine Herausforderung ist, die Kinder unter Kontrolle zu halten, da sie wie alle Kinder am liebsten den ganzen Tag toben würden. Außerdem muss ich sie erst langsam mit anderen Arbeitsweißen wie Gruppenarbeit oder Gruppengesprächen vertraut machen.
Zurzeit gebe ich mir viel Mühe, einen abwechslungsreichen Unterricht mit vielen Spielen und Liedern zu gestalten, damit alle Beteiligten möglichst viel Spaß an der Sache haben!

Die soziale Situation auf dem Land

Meine Gastfamilie gehört der oberen Mittelschicht an. Zwar leben wir auch wie viele andere in einem einfachen Holzhaus auf Stelzen, haben keinen Wasserabfluss und Bad im Haus, besitzen aber im Gegensatz zu vielen anderen ein Auto, Waschmaschine und sogar einen Trockner! (Foto: Julia Seidel)

Nach meinen Eindrücken leben die meisten Menschen hier in bescheidenen Lebensverhältnissen. Ein einfacherer Arbeiter verdient am Tag 10 US-Dollar, was zu einem ernsthaften Problem werden kann, wenn er zu viele Kinder hat – Familien mit 10 Kindern sind hier keine große Ausnahme! Besonders die Kinder in diesen armen Großfamilien und die von alleinerziehenden Müttern müssen viel arbeiten und können auf keine weiterführende Schule.
In meinen Schulen gibt es jeweils traurige Schicksale, wo kleine Kinder (teilweise nur sieben Jahre alt) neben der Schule sechs Stunden täglich schwere körperliche Arbeit wie melken verrichten und so überhaupt keine Zeit für Spiele oder Hausaufgaben bleibt…

Das Umweltprojekt

Am Mittwoch arbeite ich zusammen mit Lukas und Lynn (der dritten Freiwillige aus Deutschland in diesem Kanton) in einem Recycling-Projekt auf einer anderen Finca, welche von umweltbewussten Ecuadorianern geleitet wird.

Die Arbeit ist sehr anstrengend: An einem Tag sortieren, pressen und bündeln wir bis zu 500kg Müll!!! (Foto: Julia Seidel)

Zurzeit lernen wir selbst sehr viel über Mülltrennung, Anlegen von Gärten in diesen Breitengraden, Kompostierung und vieles mehr mit dem Ziel, dass wir dieses Wissen in die Schulen weitertragen!

Bei jedem Einkauf bekommt man für alles eine Plastiktüte, die so dünn ist, dass sie nur einmal benutzt werden kann und dann irgendwo im Garten, am Straßenrand etc. landet. (Foto: Julia Seidel)

Hier in Ecuador sind Recycling, Kompost und Mülltrennung für die Meisten Fremdworte und insgesamt ist das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung sehr niedrig.  Dementsprechend liegt überall Müll herum und in manchen Schulen werden die Kinder sogar angewiesen, den Müll im Brunnen zu entsorgen! Das alles kann man natürlich nicht schlagartig verändern, aber ich finde es wichtig, die lokalen Initiativen aus der Bevölkerung zu unterstützen, um so insgesamt den Prozess des Umdenkens voranzutreiben!

Die Wochenenden
An den Wochenenden reise ich zusammen mit anderen Freiwilligen in der Umgebung herum. So habe ich schon in einem Vulkankrater Namens Pululahua geschlafen, selbst Kakao geerntet, geröstet, gemahlen und verspeist und viele Dorffeste besucht.
Die lateinamerikanische Musik strahlt eine unglaubliche Gemütlichkeit aus und es macht mir sehr viel Spaß, die Tänze wie Salsa oder Regeaton zu lernen.

Buntes Straßenfest. (Foto: Julia Seidel)

Also mir geht es hier wirklich sehr gut und ich genieße die Zeit sehr!
Jeder Tag ist ein kleines, spannendes Abenteuer!!!

Julia Seidel In der Finca in San Jose de Saloya (Foto: Julia Seidel)

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2 Antworten zu Ecuador: Ankunft im Regenwald

  1. Anna schreibt:

    Hi Julia,

    deine Beiträge sind wirklich sehr spannend und informationsreich. Ich lese sie sehr gerne und schicke sie an alle Bekannten. Respekt, was du da alles machst!
    Ich habe Bruchrechnung damals mit Schokolade gelernt. Ist perfekt… „Wieviele Achtel hättest du gerne?“ Aber nen Apfel und nen Messer tun es bestimmt auch.

    LG Anna

    • juliaseidel schreibt:

      Hi Anna,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! 🙂
      Ja, ich habe es mal mit Äpfeln und Mandarinen ausprobiert und dannach hat es echt viel besser geklappt, weil das nicht so abstrakt ist!
      Gerade bin ich dabei, die Addition und Subtraktion von Brüchen zu erklären, aber das ist noch nicht ganz angekommen…
      Glg aus Ecuador,
      Julia

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