Nachrichten aus dem Urwald: Das Müllprojekt beginnt

In meinen letzten Berichten habe ich viel vom Englischunterricht in den Schulen erzählt, mein Projekt namens „Vista Verde“ (der grüne Blick) umfasst aber noch viel mehr!  In den letzten  drei Monaten habe ich zusammen mit den sieben Freiwilligen aus Deutschland in dieser Region und naturbegeisterten Jugendlichen aus Ecuador ein Projekt zum Thema Müll entwickelt. Denn im Kanton San Miguel de Los Bancos gibt es keine Mülltrennung! Der gesamte Müll wird fünfmal in der Woche von einem Lastwagen abgeholt und zur Müllhalde gebracht.

In Deutschland praktisch unvorstellbar: Offene Müllhalde (Foto: Julia Seidel)^

In Deutschland praktisch unvorstellbar: Offene Müllhalde (Foto: Julia Seidel)

Der Besuch dieser Deponie  war wirklich schrecklich! Durch die pflanzlichen und tierischen Reste (es liegen teilweise Tierschädel herum) werden Insekten, Ratten und Aasgeier etc. angelockt, der Verwehungsgeruch ist verheerend. Der Müll liegt offen herum, das Regenwasser wird nicht gefiltert und so gelangen alle  Schadstoffe des Mülls ohne Probleme in den größten Fluss der Region „Rio Blanco“, von dem viele ihr Trinkwasser beziehen.

Da hier auf dem Land viele Menschen sehr abgelegen leben, gibt es in vielen Gemeinden (z.B. auch in „Primero de Mayo“, wo ich unterrichte) keinerlei Müllabholservice. Dies hat zur Folge, dass der Müll verbrannt (natürlich ohne Filter) oder vergraben wird.

Tendenziell ist das Bewusstsein der Bevölkerung zum Müllproblem nicht so groß. Es ist völlig normal, dass während einer Autofahrt das Fenster geöffnet wird und der Plastikmüll so ganz „unbeschwert“ entsorgt wird. Dementsprechend sehen die Straßenränder aus. Mülleimer an der Straße und öffentlichen Plätzen sind eine Seltenheit. Außerdem wird in den Länden sehr großzügig mit dünnen Plastiktüten umgegangen, die oft nur einmal verwendet werden können. So heißt es nicht: „Brauchen Sie eine Tüte?“, sondern „Reichen zwei Plastiktüten?

Reducir, Reutilizar y Reciclar (Reduzieren, Wiederbenutzen und Recyceln)
So lautet unser Leitspruch. Die Müllsituation ist verheerend und hier ganz normaler Alltag. Also wo anfangen? Bei den Kindern! Sie sind diejenigen, die am schnellsten neue Dinge aufnehmen, ihre Gewohnheiten ändern und diese neue Idee in ihre Familie tragen können! Außerdem haben wir durch den Englischunterricht bereits viel Vertrauen innerhalb der Schule und der Gemeinde erwerben können.
Das Umweltprojekt besteht aus zwei Untereinheiten: Dem Umweltunterricht in der Schule und dem Recyclingprojekt mit der Schulgemeinde.

Während des Umweltunterrichts in der Schule sensibilisieren wir die Kinder für das Thema, erklären die schädlichen Folgen für Mensch, Tier und Umwelt, sammeln Müll in der Gemeinde ein, machen Kunst aus Müll und wollen auch Stofftaschen nähen, um den Gebrauch der Plastiktüten zu minimieren. Für das Recyclingprojekt mit der Gemeinde müssen alle an einem Strang ziehen und mithelfen! So halten wir Vorträge zum Thema Müll und Recycling und besprechen gemeinsam wie man die örtlichen Probleme am Besten lösen kann.

Mit Hilfe des Dokumentarfilms „Nosotros y la Basura“ (Wir und der Müll), der von Vorfreiwilligen gedreht wurde, lässt sich leicht das Interesse für das Thema wecken. Für die Interessierten: Hier ist der Link zum Film http://film.gianniseufert.de/index.php?lang=es .
Die Idee des Recyclingprojekts ist, dass der gesamte Müll schon in den Haushalten in die Kategorien Papier, Flaschen, Plastik, Organisch und Restmüll getrennt wird.

Da nicht genügend Mülleimer vorhanden sind, haben wir kurzerhand alte Futtersäcke, die reichlich verfügbar sind, als Ersatz angemalt.

Da nicht genügend Mülleimer vorhanden sind, haben wir kurzerhand alte Futtersäcke, die reichlich verfügbar sind, als Ersatz angemalt. (Foto: Julia Seidel)

Die Flaschen sowie der Papier- und Plastikmüll werden an spezifischen Wochentagen in die Schule gebracht und in einer neuen Müllsammelstelle zwischengelagert. Jeden Mittwoch wird dieser Müll an einen naturbegeisterten Besitzer einer Recyclingstelle verkauft, wo der Müll weitersortiert und später recycelt werden kann. Das so verdiente Geld kommt der Schule zu gute. Zwar ist es nicht viel – ein Kilogramm Plastikmüll ist zum Beispiel 0,15$ wert, aber es ist noch ein zusätzlicher Anreiz!

Gutgelaunte, gemischte Truppe. (Foto: Julia Seidel)

Gutgelaunte, gemischte Truppe. (Foto: Julia Seidel)

Zusammenarbeit mit den anderen Freiwilligen und vieles mehr

In den letzten Monaten habe ich sehr viele Wochenenden mit Vorbereitungstreffen mit anderen Freiwilligen verbracht! Zum einen gibt es das „Comité de Gestión de Juvenil Inter-Cantonal del Noroccidente de Pinchincha” (ein sehr komplizierter Name für eine regionsübergreifende Jugendgruppe :)), eine Freiwillige aus Nicaragua, die zurzeit ihr Umweltpraktikum absolviert, einen Freiwilligen aus den USA sowie eine Ortsgruppe aus Mindo und natürlich die anderen sieben Freiwillige aus der Region.
Die Zusammenarbeit macht mir sehr großen Spaß, weil alle aus dieser bunt- gemischten Gruppe so aufgeschlossen sind und jeder seinen Teil zu dem Projekt mitgeben möchte.

Natürlich arbeiten wir nicht nur zusammen, sondern treffen uns auch, um zusammen Ausflüge zu machen, an den Strand zu fahren, zu kochen, abends auszugehen etc. 🙂

Surfen in Montanita (Foto: Julia Seidel)

Surfen in Montanita (Foto: Julia Seidel)

Immer wieder gibt es viele interessante, lustige und abenteuerliche Aktionen wie zum Beispiel eine Filmaktion in der vergangenen Woche. Ein Filmteam aus den vereinigten Staaten ist angereist, um über den „Conteo Navideño“ („Weihnachtliche Zählung“) von Vögeln in dieser Region zu berichten. Diese Art der Vogelbeobachtung findet jährlich auf dem ganzen Amerikanischen Kontinent statt und soll grob die Entwicklung der Vogelpopulationen beschreiben.

Filmteam bei der Arbeit (Foto: Julia Seidel)

Filmteam bei der Arbeit (Foto: Julia Seidel)

In unserem Fall haben wir diese Zählung nur simuliert – so konnten auch absolute „Anfänger“ wie wir Freiwilligen und einige unserer Schüler mitmachen und mit den Ferngläsern den wunderschönen Urwald absuchen. Es hat allen Beteiligten einen großen Spaß bereitet, ich habe viel gelernt und es war wunderschön zu beobachten, wie meine Schüler voller Begeisterung kaum die Ferngläser von den Augen nehmen konnten! 🙂

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, einen Ausflug in die Natur mit den Schülern zu organisieren, aber jetzt steht erstmal Weihnachten vor der Tür!

Leider habe ich mich mit dem Pfeiferschen Drüsenfieber angesteckt und musste so leider für einige Wochen deutlich kürzer treten. In diesem Zusammenhang habe ich das Gesundheitssystem in Ecuador näher kennengelernt und habe so selbst das starke Stadt- Land-Gefälle zu spüren bekommen. Hier auf dem Land gibt es kaum Spezialisten und die Allgemeinärzte haben oft keinen guten Ruf.

Auch die Erfahrung der anderen Freiwilligen ist, dass sehr schnell zu starken Medikamenten gegriffen wird, die, wie sich im Nachhinein herausstellt, nicht nötig wären. In Quito jedoch findet man alle Spezialisten und in den Privatkliniken habe ich keinerlei Unterschied zu Deutschland feststellen können! Jedoch haben viele Ecuadorianer aus finanziellen Gründen keine Krankenversicherung und können sich derartige Behandlungen nicht leisten. In den letzten Jahren hat der Präsident Rafael Correa Gesundheitszentren aufgebaut, in denen jeder kostenlos medizinische Grundversorgung (Untersuchung und Medizin) erhalten kann! Außerdem gibt es neue Gesetze, nach denen alle Festangestellten krankenversichert werden müssen.Ecuador ist im Wandel und der Gesundheitsaspekt ist nur ein Teil davon!

Inzwischen geht es mir wieder viel besser, aber ich muss mich noch weiter in der ecuadorianischen Gemütlichkeit üben, bis ich meine alten Kräfte wieder vollständig zurückgewinnen werde…

Plätzchenbacken bei 20° C (Foto: Julia Seidel)

Plätzchenbacken bei 20° C (Foto: Julia Seidel)^

Der Dezember ist angebrochen, aber die Vorweihnachtsstimmung ist bei mir noch sehr weit weg! Inzwischen hat die Regenzeit begonnen, d.h. am Morgen scheint meist die Sonne und am Mittag fängt es an zu regnen, aber die Temperaturen (um die 20°C) lassen noch immer Jeans mit T-Shirt zu. 🙂 In den Schulen basteln wir Papiersterne, singen englische Weihnachtslieder, für meine Gastfamilie habe ich einen typisch deutschen Adventskalender gemacht (gibt es sonst nicht) und backen deutsche Weihnachtskekse!

Ich wünsche allen eine möglichst entspannte und gemütliche Vorweihnachtszeit mit nicht all zu eisigem Wetter!!!

Meine Gastfamilie (Foto: Julia Seidel)l

Meine Gastfamilie (Foto: Julia Seidel)l

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