Bär, Frosch, Kröte, Mensch

Pict6820Nachdem zuerst auf dieser Webseite und danach an verschiedenen Stellen in der Presse (Rheinische Post, Westdeutsche Zeitung, Haaner Treff) über die Waschbären in Haan berichtet wurde, erheben sich zum Teil erregte Debatten über Naturschutz im Allgemeinen, den Zustand der Steinbrüche im Kreis Mettmann, Amphibienschutz, Bejagung und so weiter, und irgendwie hat jeder dazu eine Meinung, oder sogar gleich mehrere.

Zuerst mal zu den aktuellen Beobachtungen in Grube 7: Nach meinem Kenntnisstand sind dort während der Laichzeit der GRASFRÖSCHE Anfang April vor allem angefressene GRASFRÖSCHE und dazwischen einige wenige tote Kröten gefunden worden. Und zwar genau an der Stelle wo die Grasfrösche gelaicht hatten. Dort standen in diesem Frühjahr auch die automatischen Fotofallen, und dort wurden eine Menge Fotos von Waschbären geschossen. Stark zu vermuten ist, dass die Waschbären sich bei den Grasfröschen ordentlich sattgefressen haben.

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Folienteich im Neandertal. Wertvolles Biotop, Notbehelf oder Falle? (Foto: Armin Dahl)

Zur Biologie der Grasfrösche ist folgendes zu sagen: Der Grasfrosch ist in unserer Region häufig und weit verbreitet, vor allem in Waldgebieten und im extensiven Grünland. Die Art wandert im zeitigen Frühjahr innerhalb weniger Tage zum Laichgewässer, die Männchen verpaaren sich oft schon während der Wanderung mit den Weibchen. Letztere verlassen praktisch sofort nach der Eiablage die Gewässer schon wieder, um sich im Sommerquartier zu verstecken. Die Männchen verbleiben etwas länger im Laichgewässer, sie hoffen auf Nachzüglerinnen, um sich mit Ihnen zu paaren. Die männlichen Frösche machen dabei am Laichgewässer einen ziemlichen Lärm und Geplantsche, sind aktiv und leicht zu beobachten. Sie werden dadurch häufig Opfer von Freßfeinden, und für Graureiher, Iltis, Mäusebussard, Wildschweine, Füchse, Dachse und viele andere fleischfressende Tiere sind die Massenansammlungen von Grasfröschen in den gerade aufgetauten Tümpeln im Frühjahr wie ein reich gedeckter Tisch.

Grasfösche sind in der Region häufig und stehen in der Roten Liste der Amphibien in NRW und für das Bergische Land unter der Kategorie “ * „: ungefährdet. Der Grasfrosch ist DAS Brottier für fast alle Beutegreifer. Ich sehe alljährlich auf einen Laichtümpel vor meiner Haustür, in dem zur Laichzeit Tag und Nacht die Graureiher stehen und sich vollfressen, begleitet von Mäusebussarden, die am Ende mit vollem Bauch kaum mehr fliegen können. Das ist vollkommen normal, in Bach- und Flußauen fallen alljährlich Massen an Amphibien und Fischen an, das ist sozusagen der Schlüssel für das Vorkommen von größeren Beutegreifern: Leicht verfügbare Nahrung zur Zeit der Jungenaufzucht.

Die Beutegreifer gefährden den Bestand der Grasfrösche in der Region nicht. Und das obwohl zusätzlich jedes Jahr hunderte von Tieren dem Verkehr zum Opfer fallen: Die regennassen Straßen im Kreis Mettmann sind an milden, regnerischen Abenden im Frühjahr häufig übersät von plattgefahrenen Grasfröschen, Brennpunkte in Haan sind da vor allem an der Flurstraße, im Tenger, Ellscheider Straße, im Ittertal und rund um das Osterholz und die Grube 7. Wieviele Tiere bei der Wiesenmahd dem Kreiselmäher zum Opfer fallen, in Kellerfensterschächten verhungern, an Straße in Gullis fallen und in der Kanalisation enden, kann ich mir nicht mal grob ausmalen.

Es gibt allerdings aus der Region keine verläßlichen Zahlen zu den Grasfroschpopulationen. Ein Großteil der Tiere laicht nicht jedes Jahr, und bei den Krötenzaun-Aktionen z.B. der AGNU sind die Grasfrösche unterrepräsentiert: Sie sind oft schon fertig mit dem Brutgeschäft, bevor der Krötenzaun so richtig zum Einsatz kommt.

Mein Fazit zum Thema Grasfrösche und Waschbär:
Alles halb so wild. Der opportunistische und lernfähige Waschbär frißt wie viele andere Arten immer das was er am „billigsten“ bekommt – und das sind zur Laichzeit eben nun mal Grasfrösche. Die Grasfrosch-Vorkommen in der Region sind dadurch nicht gefährdet.

Die zweite Amphibienart, die in den Zeitungstexten zum Thema Waschbär regelmäßig erwähnt wird, ist die Kreuzkröte. Noch vor ein paar Jahren konnte man aus vielen hundert Metern Entfernung im Innenbereich der Grube 7 einen Kreuzkrötenchor hören. Die Männchen der Art haben ein dicke Schallblase unter der Kehle und erzeugen am Laichgewässer einen auf- und abschwellenden, lang anhaltenden Triller, bei großen Populationen ist das Konzert über Kilometer zu hören, bei Störungen hört es schlagartig auf, und setzt erst nach ein paar ruhigen Minuten wieder ein.

Die Kreuzkröte ist eine klassische Pionierart, läuft rasch und weit, klettert gut an Mauern hoch, und besiedelt neu entstandene Gewässer auch viele Kilometer entfernt von aktuellen Vorkommen. Klassische Kreuzkrötenbiotope sind flache, temporäre (d.h. austrocknende) Gewässer in fast vegetationsfreien Landschaften, in Mitteleuropa vor allem Hochfluttümpel in Flussauen. Ersatzlebensräume sind häufig Fahrspuren und flache Senken in Kiesgruben und Steinbrüchen, auch auf Industriebrachen und Großbaustellen finden sich oftmals Kreuzkrötenvorkommen. Kreuzkröten laichen über einen langen Zeitraum zwischen April und Juli, in mehreren Wellen, manche Weibchen sogar mehrfach im Jahr. Am Rufgewässer finden sich immer sehr viel mehr Männchen als Weibchen, wie bei den Grasfröschen laichen die Kreuzkröten-Damen ab und verschwinden sofort wieder in der Umgebung. Kein anderes Amphib in Europa ist so schnell mit der Larval-Enwicklung von der Kaulquappe zum Froschlurch fertig, bei hohen Wassertemperaturen – die Quappen vertragen bis zu 35°C Wassertemperatur – kann alles in drei Wochen abgeschlossen sein.

Kreuzkröten sind sogenannte r-Strategen, die Laichschnüre enthalten viele Eier, nur ganz wenige Tiere (etwa 1/4000) erreichen das Erwachsenenstadium. In guten Jahren, wenn das Wetter und die Regenmenge passen, kommen Kreuzkröten in entsprechenden Gewässern zur massenhaften Reproduktion. In schlechten (kalten und trockenen) Jahren fällt der „Bruterfolg“ dagegen komplett aus, darauf ist die Art eingerichtet. In zu kleinen Pfützen sind die Quappen vor allem durch das Austrocknen des Laichgewässers gefährdet, in größeren, ganzjährig wassergefüllten Tümpeln durch Libellenlarven, Fische, Molche oder Vögel. In Gewässern mit vielen Erdkröten-Quappen wachsen die Kreuzkrötenquappen schlecht, beide Arten geben Stoffe an das Wasser ab, die hemmend auf die Larvenentwicklung der jeweils anderen Art wirken.

Zu den angeblich von Waschbären verursachten Verschwinden der Kreuzkröten aus Grube 7 ist zuallererst mal zu sagen, dass bisher nirgendwo genaue Zahlen über Opfer genannt wurden. (das kann hier gerne nachgereicht werden, bitte das Kommentarfeld unten nutzen). Die Rede ist von „einigen Kröten“, das können aber auch Erdkröten gewesen sein. Bei ausgefressenen Tieren ist das oft schwer zu beurteilen, und die Erdkröte laicht auch in den enstprechenden Teichen ab. Betrachtet man die Gewässer in Grube 7, ist folgendes festzustellen: Bis vor wenigen Jahren wurde – mehr oder weniger regelmäßig – warmes Düsselwasser in die Grube gepumpt, dadurch war der Grubenboden in einigen Bereichen temporär überflutet, fiel aber auch ab und zu in Teilen trocken. Das war der Kreuzkröte offenbar zuträglich. Die Einleitung findet aber nicht mehr statt, an die Stelle der Einleitungssümpfe sind Folienteiche getreten. Diese von der AGNU mit hohem Aufwand angelegten Gewässer wurden ebenfalls in den ersten Jahren von den Kreuzkröten angenommen. Heute sind diese Teiche voller Libellenlarven und Molche, andere Amphibien wie die Erdkröte haben dort ebenfalls große Quappenpopulationen. „Gute“ Kreuzkrötengewässer sehen anders aus. Und die Kreuzkröten sind verschwunden, oder rufen zumindest nicht. Die räumlich nächste Kreuzkrötenpopulation in der Sandgrube in Erkrath-Bruchhausen hat sich in den letzten Jahren dagegen mehrfach erfolgreich reproduziert und große Mengen an Jungtieren hervorgebracht – in flachen, von der Planierraupe geschobenen vegetationsfreien Pfützen, in denen keine oder nur kleinste Libellenlarven oder andere Amphibienarten vorhanden sind.

Mein Fazit zu Kreuzkröte und Waschbär in Grube 7:
Ob das inselartige Vorkommen in der Grube 7 wegen der Waschbären verschwunden ist, bezweifele ich. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Waschbären die Kreuzkröten alle gefressen haben, ist nach meinem Dafürhalten gering. Einiges spricht dafür dass die Kreuzkröte keine geeigneten Laichgewässer mehr finden und abgewandert sind.

Wie geht es weiter?
Waschbären sind in der gesamten Region verbreitet und werden auch nicht mehr verschwinden. Waschbären sind auf dem Vormarsch, genauso wie Uhu, Schwarzstorch, Luchs, Wildkatze und andere größere waldbewohnende Tiere. Das liegt an der seit vielen Jahrzehnten fortschreitenden, zunehmenden Verwaldung der Landschaft: Im Forstbezirk Gummersbach (zu dem auch Haan gehört) wächst der Holzvorrat jedes Jahr um 350.000 Kubikmeter, und das sind nur die offiziell erfassten Zahlen. Zum Thema Jagd auf Waschbären, sogenannten „Schäden“ oder Belästigungen von Hausbesitzern durch Waschbären gibts an dieser Stelle von mir keinen Kommentar: Im Innenbereich der Grube 7 ruht die Jagd, und das ist auch gut so.

Die Kreuzkröte ist dagegen auf das OFFENLAND angewiesen, und kann in der Region nur durch brutal erscheinende Biotopentwicklungsmaßnahmen überleben. Außerdem sollte geklärt werden, was mit den Populationen in benachbarten Steinbrüchen los ist, zum Beispiel im Osterholz auf Wuppertaler Gebiet. Sind dort evtl. neue Populationen entstanden? Wer weiß etwas darüber?

Links:
Kreuzkröte in NRW
Grasfrosch in NRW
Waschbär in NRW

P.S. Eine Art habe ich noch vergessen: Die Geburtshelferkröte.  Dazu schreibe ich aber bei Gelegenheit nochmal einen extra Beitrag, die Biologe dieser Art ist noch komplizierter als bei „normalen“ Amphibien, und es gibt einen Haufen sogenannter Projekte in der Region, und auch wegen dieser Art gab es unter den Naturschützern heftigen Streit. Hier nur so viel: Geburtshelferköten scheint das Treiben der Waschbären in Grube 7 nicht sonderlich zu interessieren, die Männchen der sogenannten „Glockenfrösche“ sind an warmen Abenden  an vielen Stellen in der Grube zu hören, und nach meinem Empfinden (auch hier gibt´s keine Zahlen!)  hat die Art in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen.

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Eine Antwort zu Bär, Frosch, Kröte, Mensch

  1. hans-gallasch@t-online.de schreibt:

    Hallo Herr Dahl! Und wie ist es mit den hochgeschützten, durch unsere Biotop-Anlage und -Pflege angesiedelten Geburtshelfer-Kröten? Auch diese werden durch den Prädator WASCHBÄR dezimiert oder gar ausgerottet. Sollen wir das tatenlos inkauf nehmen in der Hoffnung, dass sie irgendwo überleben werden? Wenn ja wie lange wohl wenn überhaupt? Bin gespannt, ob Sie das auch klaglos hinnehmen. Gruß Hans Gallasch       

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