Vorsicht, keine Schlange!

Das Sommerwetter 2021 hat etwas vom Tropischem Regenwald, der Juni war sehr warm, der Juli bisher schwül und nass, und die Insektenwelt entwickelt sich prächtig, auch an ungewöhnlichen Plätzen.

Vor ein paar Jahren gab es eine Anfrage aus dem neuen Industriegebiet an der Niederbergischen Allee. Eine Blumenwiese sollte es sein, rund um eine seeehr schicke kleine Industriehalle. Verschiedene AGNUrianer halfen bei der Anlage und Beratung, die Eigentümer sind eher keine Gärtner, einerseits sollte es schön bunt sein, dann aber auch ein wenig repräsentativ, und vor allem nicht unordentlich.

Das Ganze entwickelte sich nur mühsam, durch die Dürre verzögerte sich die Keimung der Samen, das Wiesenstück sag ein wenig gerupft aus, jedenfalls nicht so schön wie auf den Bildern der Saatgut-Firma. Der Huflattich wuchs prächtig auf dem nackten Lehm, aber spätestens als er seine seine Samenschirmchen verstreute, da wollte man´s doch lieber etwas aufräumen. Immerhin behielten die Eigentümer die Nerven, und holten nicht den Landschaftsgärtner mit dem Rollrasen. 2020 sah das Stückchen schon ganz schön aus, aber so richtig Schwung kam erst im Regensommer 2021 in die Sache. Die Wiese blühte toll und bunt und es wurden Fotos aus dem Bürofenster geschossen, auf denen man bildfüllend sieht, wie die Hasen in Armeslänge Entfernung in aller Ruhe die Blumen wegmümmeln.

Die Nachtkerze wurde um das Jahr 1620 als Zierpflanze von Amerika nach Europa eingeführt. (Foto: Dahl)

Heute dann die Nachricht; „Was ist das?“ Ein braunes fingerlanges Ungetüm, das bei Beunruhigung wild mit dem Hinterende wedelte, wollte aus der Wiese kommend ausgerechnet in die Büroräume eindringen. Eine Schlange? Natürlich nicht! Das Tierchen wurde in ein Glas gesperrt und in den Schatten gestellt, und der „Experte“ zu Hilfe gerufen.

Nachtkerzenschwärmer entwickeln sich bevorzugt auf jüngeren Brachflächen und und Wiesen, an deren Rändern und Böschungen Weidenröschen und Nachtkerzen blühen und wo nicht alle Vegetation bekämpft wird. Die Falter fliegen im Mai/Juni, legen ihre Eier an die erwähnten Pflanzen, und die erwachsenen, vollgefressenen Raupen suchen sich im Juli einen Verpuppungsplatz. Dabei laufen sie weit herum und geraten dann auch an Stellen, an denen sie eigentlich nichts zu suchen haben.

Und wenn dann solch ein Untier vom Format einen Rostbratwürstchens quer durchs Büro wandert, haben manche Menschen zum ersten Mal Kontakt mit einem Respekt einflößenden Großinsekt. Dabei ist die Raupe völlig harmlos, kann vielleicht mit ihren Augenflecken einen Kleinvogel erschrecken, hat aber weder Stachel noch Beißzangen, und ist zudem streng geschützt! Der Nachtkerzenschwärmer gehört zu den Arten nach Anhang IV der FFH-Richtlinie, die umfasst ingesamt 16 Schmetterlingsarten, die in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gelistet und deshalb nach Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind.

Das hilft dem Tier natürlich garnichts, wenn es in ein Bürogebäude gelaufen ist! Und deshalb wurde die Raupe „gerettet“, darf sich jetzt in einer Kiste mit Erde und Sägespänen verpuppen, und im nächsten Jahr als Falter die Umgebung erkunden. Vorher gab es aber noch einen ordentlichen Fototermin mit der stolzen Besitzerin der Raupe, auch wenn die „Schlange“ partout nicht auf die bloße Hand gesetzt werden durfte.

Leicht skeptisch: „Raupenmutter“ Claudi Ha (Foto: Dahl)
Macht einen auf Schlange: Die Raupe des Nachtkerzenschwärmers hat täuschend echte Scheinaugen. (Foto: Dahl)

An der Niederbergischen Allee entwickeln sich auf den frisch bebauten Grundstücken – wenn sie entsprechend angelegt und gepflegt werden – blütenreiche und damit insektenfreundliche Flächen mit zahlreichen seltenen Arten. Was den besagten Nachtkerzenschwärmer betrifft, so sollten die vorhandenen Bestände der Weidenröschen oder Nachtkerzen über den Sommer zumindest teilweise bestehen bleiben, um den Raupen eine vollständige Entwicklung zu ermöglichen.

Der Nachtkerzenschwärmer fliegt in der Dämmerung. Sitzt er in der Vegetation, ist er perfekt getarnt und kaum zu entdecken (Niederbergische Allee, 19. Juni 2020, Foto: Dahl)

Einsaat mit Regionalsaatgut, Streifenmahd mit Refugien z.B für die Insekten und Hasen, Erhaltung des Blütenangebots über einen möglichst langen Zeitraum, kein Dünger und vor allem kein Mulchmäher: Mit ein paar wenigen Kniffen kann praktisch jeder Grundstücksbesitzer seine Flächen in ein kleines oder großes Insektenparadies verwandeln. Eine ganz gute Vorlage bietet dazu die Broschüre des Landesamts für Naturschutz „Blühende Vielfalt am Wegesrand – Lanuv NRW – Land NRW“, die man umsonst beim Land NRW bestellen kann. Ein wenig Artenkenntnis bei den Pflanzen schadet dabei nichts, sonst hat man am Ende doch versehentlich die falschen Pflanzen abgesäbelt.

Bunt UND insektenfreundlich UND ordentlich aufgeräumt geht aber nicht immer zusammen. Eine lebendige Wiese ändert im Jahresverlauf ihr Gesicht, und ist für Freunde des Kurzrasens ein Graus. Umgekehrt ist der wöchentlich gemähte Rasen für Insektenkundler ein Schandfleck. Hier muss sich jede(r) entscheiden, wo die Reise hingehen soll!

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