Exkursion zu den Orchideen der Eifel

Am 17. Mai 2016 unternahm die Naturfoto AG der AGNU Haan eine Exkursion in die Naturschutzgebiete bei Bad Münstereifel, um Orchideen zu fotografieren. Die Fotografen fanden elf sehr unterschiedliche Orchideen-Arten.

Kuttenberg

Orchideenreicher Magerrasen am Kuttenberg bei Eschweiler (Foto: Dick Schakel)

Frühling ist Orchideenzeit. Nicht für die gezüchteten, die wir im Baumarkt kaufen können, die eigentlich im tropischen Regenwald zu Hause sind, sondern für unsere heimischen, hier wild wachsenden Orchideen. 41 Arten dieser Orchideen gibt es in Nordrhein-Westfalen, sie sind selten und alle geschützt. Sie stehen auf der Roten Liste der in NRW gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen (Fassung 1999).
Gleich zu Beginn der Wanderung war die Begeisterung perfekt, als sich der Blick auf die Orchideen-Wiese am Kuttenberg auftat. Herrliches Purpur-Knabenkraut stand dutzendweise in voller Blüte da. Der Grasbewuchs dieser Wiese ist im Mai noch kurz, so dass diese Orchideen wie purpurfarbene Kerzen dort standen – 50 bis 60 cm hohe Pflanzen über die ganze Wiese verteilt.
Eine Orchideenblüte besteht aus fünf Blütenblättern und einer Lippe. Die Blütenblätter beim Purpur-Knabenkraut sind außen dunkel purpur bis rotbraun und innen rötlich. Sie bilden zusammen über der Lippe einen Helm. Die größere dreigeteilte Lippe ist weißlich-rosa mit vielen kleinen braunroten Papillenbüschen. Das Purpur-Knabenkraut wird von Insekten bestäubt. Es ist aber eine Nektartäuschblume, die die Insekten mit Farbe und Duft lockt, sie aber täuscht, denn Nektar hat sie keinen zu bieten.
c-Expedition-Eiffel-100_01c-Expedition-Eiffel-101_01Am Boden hat diese Orchidee einige grüne Blätter, aus denen heraus wächst der prächtige Blütenstand mit den vielen Einzelblüten.


Eine ganz andere Orchidee ist die Fliegen-Ragwurz, eine zierlich-schlanke Pflanze, die 20 cm hoch wird. Sie hat am Grund einige grüne Laubblätter, aus denen der Stängel mit nur wenigen Blüten herauswächst.
Die Lippe ist braun mit einem hellen Mal in der Mitte. Selten gibt es von dieser Orchideenart eine Pflanze, die gelbe Blüten ausbildet. Wir hatten auf unserer Exkursion das Glück, eine solche zu finden.
Hunderte von Exemplaren wuchsen verstreut auf dieser Wiese. Aber sie fallen nicht ins Auge. Eigentlich sind bei ihr 3 Blütenblätter grün und 2 braun und schmal.
Die Fliegen-Ragwurz ist eine Sexualtäuschblume. Sie täuscht Männchen einer Grabwespenart mit Duft und Behaarung ein Weibchen vor. Bei dem vermeintlichen Versuch, sich mit einer artgleichen Partnerin zu paaren, bestäubt das Wespenmännchen die Orchideenblüte.
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Das Männliche Knabenkraut fanden wir am hinteren Teil der Wiese. Dort wuchsen etwa 50 kräftige und robuste, ca. 20 cm hohe Exemplare. Diese Orchidee hat auch am Grund einige Laubblätter, die grün oder braun gefleckt sein können. Der Blütenstand mit vielen Blüten erhebt sich in einer Ähre über die Blätter.
Die Farbe der Blüten des Männlichen Knabenkrautes kann stark variieren. Kräftig purpurfarbene Blüten, aber auch sehr viel hellere kommen vor. Wir hatten das Glück, eine albiflora – eine weiß blühende Pflanze – zu finden. Sie sind selten.
Auch sie ist eine Nektartäuschblume, die Hummeln und Bienen durch Duft und Farbe anlockt aber keinen Honig bietet.
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In einer Hecke, die an die Wiese grenzt, fanden wir eine ganz andere Orchidee: die Vogel-Nestwurz. Das ist ein Parasit, eine Pflanze, die sich nicht selbst ernährt, denn sie hat kein Blattgrün, kann folglich nicht assimilieren, um sich selbst zu ernähren. Das ist der einzige Parasit unter unseren heimischen Orchideen. Die Pflanze wird bis zu 35 cm hoch, hier aber waren es nur 15 cm. Die ganze Pflanze ist gelblich-braun, sie hat keine Blätter aber einen reichblütigen Stängel.
Schön ist weder die ganze Pflanze noch die Blüte, aber sie bietet ihren Bestäubern tatsächlich Nektar an den Blüten. Bestäuber sind Ameisen.


Sieben weitere Orchideen-Arten haben wir auf dieser Exkursion fotografieren können: An einem Tag eine solche Menge an heimischen Orchideen in der freien Natur zu finden, ist schon außergewöhnlich. Die Exkursion war halt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

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Fotos und Text: Dr. Hans Maier-Bode, Mitglied der Naturfoto AG der AGNU Haan


Link: Kuttenberg im WEB

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Lebensraum der Kreuzkröte

Die Kreuzkröten aus der Grube 7 haben sich nach meiner Einschätzung wegen der nicht mehr passenden Gewässerstruktur schlicht und einfach verzogen. Dabei legen die Tiere manchmal viele Kilometer zurück, wie sich das für Pionierarten gehört.

Der Juni 2016 ist schon fast rum, und endlich kommt so etwas wie Sommerwetter auf. Ein kleiner Trost: Nicht für alle Tierarten war das Wetter der letzten Wochen schlecht. Die Kreuzkröte Bufo calamita ist eine Pionier-Art, die für ihre Vermehrung unbedingt auf temporäre, also austrocknende Gewässer angewiesen ist. Stark mit Pflanzen bewachsene Stillgewässer, in dem Libellenlarven und andere Amphibien wie dem Erdkröte ablaichen, werden von Kreuzkröten gemieden.
Hier noch mal rasch ein paar Bilder zur ewig währenden Diskussion über die Kreuzkröte und ihr ehemaliges Vorkommen in der Grube 7 in Haan. Die Fotos stammen aus der Wahner Heide, wo die Kreuzkröte riesige kopfstarke Vorkommen hat, könnten in gleicher Weise von Industriebrachen im Ruhrgebiet und in Betrieb befindlichen Steinbrüchen und Sandgruben (z.B. Erkrath-Bruchhausen) stammen. Durch die starken Niederschläge der letzten Wochen stehen dort große Pfützen an vielen Stellen, wo normalerweise überhaupt kein Gewässer vorhanden ist. Dort haben offenbar in den letzten Wochen die Kreuzkröten abgelaicht.

Und mit ein bisschen Wetterglück werden an solchen Pfützen viele Quappen auch die Metamorphose erreichen: Bufo calamita hat eine extrem kurze Entwicklungszeit von nur 3-10 Wochen von der Eiablage bis zum Verlassen des Wassers.

Aktuell sind im Umfeld von Haan auf der Gleisbrache in Vohwinkel kleine, neu angelegte Teiche besiedelt worden Und übrigens einige Großbaustellen in Düsseldorf, wo die letzten Nachweise schon viele Jahre zurücklagen.

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Fünf gehäufte Esslöffel Gift pro Nase

Das wichtigste verbraucherpolitische Prinzip in Europa lautet: „Im Zweifel nein.“ Gibt es Hinweise, dass ein Stoff gesundheitsschädlich ist, dann darf er in der Europäischen Union nicht zugelassen werden. Im Falle des Unkrautvernichters Glyphosat liegen mehr als konkrete Hinweise auf dem Tisch, dass das Mittel Krebs erregt.

Was soll man zu einem Berufsstand sagen, der einen gut Teil seiner Zeit damit zubringt, die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen zu bekämpfen, die Strukturvielfalt der Landschaft plattzuwalzen und die Belastung der Umwelt mit Giftstoffen zu erhöhen? Richtig: Die konventionelle Landwirtschaft hat die Berechtigung verspielt, sich über Naturschutzfragen zu äußern!

Daß die Bauern schon zu allen Zeiten das maximal mögliche an Ertrag aus ihren Flächen herausholen, ist ja nichts Neues, das war schon immer so. Neu – betrachtet man die letzten Jahrzehnte – ist lediglich, dass sich die Methoden stark verändert und heute fast ausschließlich rabiate chemische Methoden zum Einsatz kommen. Während früher die ausbeuterische Landwirtschaft zu höherem Artenreichtum führte – Stichworte sind z.B. extensive Hütehaltung, Niederwaldwirtschaft, Dreifelderwirtschaft – ist es heute umgekehrt: Die Landschaft wird den Großmaschinen angepasst, die Nutzpflanzen-Konkurrenz mit Gift niedergehalten. Und alles was sich nicht mit Großmaschinen und Gift bewirtschaften lässt – Bachtäler, Steilhänge ind steinige magere Böden –  wurde aufgegeben und wird in kurzer Zeit vom Wald zurückerobert.

Das Ergebnis ist der schon in den 60er Jahren von der Biologin Rachel Carson prognostizierte „Stumme Frühling“: Im Kreis Mettmann keine erfolgreiche Kiebitzbrut mehr, Schafstelze sehr selten, Feldlerche fast ausgerottet, Feldsperling verschwunden. Von den Schmetterlingen und anderen Insekten erst gar nicht zu reden, deren Zahl und Biomasse nimmt seit vielen Jahrzehnten dramatisch ab: Experten schätzen die Zahl der Schmetterlinge auf heute unter 1 Prozent, verglichen mit der Zeit vor etwa 100 Jahren.
Aktuell ist zum Beispiel ein dramatischer Aufruf der Österreichischen Schmetterlingsexperten unter dem Titel „Ausgeflattert: Der stille Tod der österreichischen Schmetterlinge„. Ein Zitat aus der Einleitung der Studie: „Der massive Einsatz von unspezifisch wirksamen Insektiziden und Pflanzenschutz-Mitteln ist ein wichtiges Gefährdungspotenzial für Schmetterlinge. Durch Verdriftung sind auch Bereiche abseits der intensiv genutzten Agrikulturflächen und selbst Schutzgebiete bedroht. Einschränkungen des Pestizideinsatzes im Nahbereich zu naturnahen Ökosystemen oder extensiv bewirtschafteten Agrarökosystemen sowie generell ein möglichst minimierter, sorgsamer Umgang mit Pestiziden bzw. der Verzicht auf chemisch-synthetische Wirkstoffe sind ein Gebot der Stunde.

Nachdem das Aussterben der Tiere des Offenlandes jahrelang eigentlich keinen ausser ein paar Umweltspinnern interessiert hat, ist in den letzten Monaten erstaunliches passiert: Glyphosat, der meist verwendete Unkrautvernichter überhaupt, geriet zuerst in die Muttermilch, dann ins Bier und danach in die Schlagzeilen. Und als die Aufregung richtig groß wurde entdeckte die SPD das Thema. Lässt sich doch damit herrlich der bräsige Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt von der CSU vorführen, und eine Sollbruchstelle in der Großen Koalition holt die Wähler vielleicht aus der Apathie. Die weitere Zulassung für das Supergift Glyphosat – in Deutschland werden 6.000 Tonnen ausgebracht, wurde zum As im Pokerspiel zwischen den Parteien, Agrarkonzernen und der Europäischen Kommision. Die EU-Kommission hat die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung am 6. Juni nach meheren Probeabstimmungen zur Abstimmung gestellt. Das Ergebnis: Keine Mehrheit für Glyphosat. Deutschland enthielt sich der Stimme. Eine herbe Niederlage für die EU-Kommission und die Glyphosat-Hersteller. Wie die Geschichte am Ende ausgeht ist allerdings noch offen: Die Entscheidung liegt jetzt im Berufungsausschuss, wenn der sich ebenfalls nicht einigt, muss die EU-Kommission im Alleingang entscheiden.

Tief enttäuscht zeigte sich der europäische Branchenverband ECPA, der große Agrochemie-Konzerne vertritt: Wenn es nicht gelinge, Glyphosat weiter zuzulassen, „hätte das erhebliche negative Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft, die Umwelt und die Fähigkeit der Bauern, sichere und erschwingliche Lebensmittel herzustellen„, warnte der Verband. Den Passus mit der Umwelt glauben diese Unbelehrbaren von der Giftindustrie nicht einmal selbst. Die Lebensmittelpreise sind in Deutschland so tief wie nirgendwo anders in Europa. Und daß Konzerne wie Monsanto Rücksicht auf die Gesundheit und Sicherheit der Menschen nehmen, das glaubt überhaupt niemand! Nicht umsonst hat der Konzern wegen rabiater Methoden seit Jahrzehnten den Spitznamen „Monsatan“.

Eine kleine Rechnung: 6000 Tonnen = 6000.000.000 Gramm geteilt durch 80.000.000 Einwohner in Deutschland = 75 Gramm Glyphosat, die jedes Jahr pro Einwohner auf die Fläche der Bundesrepublik ausgebracht werden. Das sind nach der alten Küchenregel fünf gehäufte Esslöffel Unkrautvernichtungsmittel, für jedes Kleinkind, jede Oma, und auch für jeden Konzernvorstand in Deutschland. Wer sich ein wenig mit den Wirkungen solcher Stoffklassen beschäftigt, der weiß, daß alle Substanzen, die in den Grundstoffwechsel eingreifen, nicht wirklich gesund sein können. In sofern ist es ein Wunder, dass es so lange dauert bis bei Stoffen, die in Massen ausgebracht werden, auch massive gesundheitliche Schäden beim Menschen nachgewiesen werden können. Eine Diskussion die übrigens bei unseren nächsten Nachbarn schon ganz anders entschieden wurde: In Frankreich sind Krankheiten wie Parkinson und Leukämie (Non-Hodgkin-Lymphom) längst als Berufskrankheiten bei Landwirten anerkannt.

Aktuell liegt der Ball, was die Zulassung von Glyphosat angeht, im Vermittlungsausschuss der EU-Kommission. Ob dieser sich über das negative Votum der EU-Staaten hinwegsetzt, ist fraglich, die Herren wollen ja auch wiedergewählt werden.
Was kann jeder einzelne tun? Hier mal nach meiner Ansicht drei wichtigsten Punkte:

  • Kauft anständig ein, bei Lebensmitteln aus Industrieproduktion ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.
  • Sprecht mit euren Landwirten, die müssen endlich mit der Giftwirtschaft aufhören, es gibt gute Alternativen!
  • Nehmt Einfluss auf Eure Volksvertreter, auch Lokalpolitiker aller Partein sind lernfähig!

Links: Monsatan bei Twitter
Kampagne: Glyphosat muss vom Tisch!

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Neuer Kiebitz Kompakt

Über einen Tag im Wald, die kreisweite Null-Kiebitzkartierung, TTIP und wie der neue Schwalbenturm funktioniert: Der Kiebitz Kompakt für den Sommer 2016 ist fertig und liegt hier zum Download bereit

Der AGNU wünscht Ihnen viel Lesegenuss! Empfehlen Sie ihm gerne weiter.
Mit freundlichen Grüßen
Joop van de Sande
AG Natur + Umwelt Haan e.V.

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | Kommentar hinterlassen

TTIP vor dem Aus: Greenpeace veröffentlicht Geheimdokumente

Das wurde aber auch Zeit: Nachdem seit Juli 2013 hinter fest verschlossenen Türen über das transatlantische Handelsabkommen TTIP verhandelt wird, haben Greenpeace-Aktivisten nun die Unterlagen in die Finger bekommen und an die Medien weitergegeben. Ein Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR berichtet, dass die US-Regierung Europa bei den Verhandlungen stark unter Druck setzt und mit dem Wegfall von Exporterleichterungen für die Autoindustrie droht. Greenpeace hat die Internet-Konferenz re:publica für die Veröffentlichung der 240 Seiten Geheimpapiere ausgesucht, um eine Analyse bisher geheimer TTIP-Dokumente vorzustellen. Greenpeace Niederlande hat die okumente vollständig online gestellt, wer sich selbst ein Bild machen will kann die Dokumente hier ansehen und downloaden.
Erklärtes Ziel von TTIP es ist, Handelshindernisse in „nicht-handelspolitischen Bereichen“ zu beseitigen. Die Bevölkerung hat jedoch nach Meinung vieler Umwelt-Organisationen ein Anrecht darauf zu wissen, was in Hinterzimmern verhandelt wird, und auch im EU-Parlament kam es schon zu Tumulten wegen der vorherrschenden Intransparenz. Über die kuriosen Bedingungen unter denen selbst Bundestagsabgeordnete Einsicht in die Unterlagen nehmen können, kann man nur den Kopf schütteln, demokratische Prozesse sehen anders aus.


Übrigens finden sich die TTIP-kritischen Umweltorganisationen wie Greenpeace und der BUND unerwartet in einem Boot mit den Verbandsvertretern der konventionellen Landwirtschaft, die um ihre Pfründe fürchtet. So lässt sich Bauernverbands-Vize Hilse mit den Worten zitieren: „Die in Europa etablierten Standards zu Lebensmittelsicherheit, Natur- und Umweltschutz sowie sozialen Standards dürfen nicht angetastet werden.“ Das ist natürlich Unsinn: Die etablierten Standards reichen keineswegs aus, wie man an der aktuellen Debatten um Glyphosat und das Artensterben auf den Äckern der Republik sehen kann. Und die Bevölkerung sieht das mehrheitlich genau so, nachzulesen in der neuesten Studie des Bunde-Umweltministeriums.

Man würde sich wünschen die Bauern würden sich immer für die von Hilse geforderte „größtmögliche Transparenz sowie demokratische Legitimation.“ einsetzen. Wer einmal versucht hat herauszubekommen wieviel Euro EU-Beihilfe welcher Großagrarier bekommt, der weiß worum es geht: Auch rund um die Arar-Subventionen wurde eine blickdichte Mauer errichtet, vielleicht leakt die auch mal jemand?

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Frühling bei Familie Blaumeise

Bei dem schönen Frühlingswetter sind die Kleinvögel beim Nestbau nicht mehr zu bremsen. Ein besonders dreistes Exemplar kam mir heute vor die Linse, als es in aller Seelenruhe meine Orchidee zerpflückte, als ich nur eine Armeslänge  entfernt  mit der Kamera davor stand.

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Glyphosat – Die Herbizid-Sackgasse

Viele Naturschutzaktivisten haben relativ überschaubare Kenntnisse was die Wirkungsweise von Unkrautvernichtungsmitteln angeht. Beim Haaner Autor Volker Stoldt ist das anders: Mikrobiologie, Biochemie, Gentechnik und Analytik sind für ihn als Arbeitsgruppenleiter in der Zell- und Mikrobiologie an der Uni Düsseldorf normale Dinge. Hier also ein AGNU-Beitrag auf höchstem fachlichen Niveau.

GHS-pictogram-pollu_01Das spätsommerliche Landschaftsbild ist uns geläufig: Auf den Feldern liegen verbreitet gelbe und später braune, sterbende Pflanzen. Nach der Ernte und noch vor der Bodenbe­arbeitung, werden im konventionellen Ackerbau ausgekeimte Wildkräuter tot gespritzt, um die bevorstehende Bodenbearbeitung zu erleichtern. Das gleiche Bild im Frühling: Einzelne Äcker färben sich braun statt saftig grün. Häufig kommt das preis­werte Breitbandherbizid Glyphosat zum Einsatz. Es greift einkeim- (monokotyle) und zweikeimblättrige (dikotyle) Pflanzen gleichermaßen an.

N-(Phosphonomethyl)-glycin „Glyphosat“

Glyphosat, wurde nach seiner Erstsynthese durch die Firma Cilag 1950 vom Konzern Monsanto als Wirkstoff im Roundup 1974 patentiert und verkauft. Über grüne Pflanzen­teile aufgenommen, hemmt Glyphosat bei allen Pflanzen ein Enzym in Chloroplasten, das für die Synthese aromatischer Aminosäuren (Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan) im Shikimat-Syntheseweg verantwortlich ist. Während Pflanzen und Mikroorganismen diese Aminosäuren synthetisieren können, müssen wir Menschen sie über den Verzehr von Pflanzen zu führen. Diese Aminosäuren sind für uns essentiell, denn uns fehlt das entsprechende Enzym – die 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat-Synthase (kurz: EPSPS), dem Wirkort des Glyphosats. An diesem Wirkort kann bei Anwesenheit von Glyphosat ihr natürliches Substrat Phosphoenolpyruvat nicht binden – eine kompetitive Hemmung – und die Bildung aromatischer Aminosäuren wird blockiert.

Die bakteriellen EPSPS werden im Vergleich zum pflanzlichen Enzym nicht durch Gly­phosat gehemmt, da sie sich von der pflanzlichen EPSPS unterscheiden. Kulturpflan­zen (meist in den USA: Mais, Raps, Weizen, Zuckerrübe etc.), die heute resistent gegen Glyphosat sind, tragen meist das bakterielle Gen des EPSPS. Sie sind gentechnisch verändert. Glyphosat-resistente Wildkräuter sind in der Regel durch den massiven Selektionsdruck des Glyphosateinsatzes entstanden, als durch das Auskreuzen des bakteriellen Gens der EPSPS in die Wildkräuter hinein. Vielerorts und maßgeblich in den USA wirkt Glyphosat bei resistenten Wildkräutern („superweeds“) nicht mehr.

15 Jahre nach seiner Kommerzialisierung wurden zwischen 1998 und 2014 35 gly­phosat-resistente Arten weltweit identifiziert (Heap). Erste mechanistische Nachfor­schungen zur Resistenzentstehung bei Wildkräutern wurden 1999 am Steifen Lolch (Lolium rigidum) vorgenommen. Heute ist eine ganze Reihe von Mutationen be­kannt, die die EPSPS so verändern, dass Glyphosat nur reduziert den Shikimat-Weg hemmt. Diese Mutationen ziehen z.B. eine Aminosäuresubstitution in Position 106 der EPSPS nach sich. Prolin kann in dieser Position durch Serin, Threonin, Alanin oder Leu­cin substituiert worden sein, wodurch der Zugang des Glyphosats an den Wirk­ort eingeschränkt ist. Der Austausch, der eine bis zu 15-fach gesteigerte Gly­phosat-Unempfindlichkeit gegenüber dem Wildtyp zeigt, ist bei L. rigidium, Italienisches Raygras (L. multiflorum), Fingerhirse (Eleusine indica), Schamahirse (Echinochloa co­lona), Digitaria insularis und der Fuchschwanz-Art Amaranthus tuberculatus beschrie­ben worden. Darüber hinaus sind weitere Mutationen sowie Doppelmutationen bekannt, die zu weiteren bzw. zusätzlichen Aminosäure-Substitutionen in der EPSPS führen.

Besonders in den USA sind Genverdoppelungen der EPSPS zu finden. Bei Fuchschwanz-Arten (Amaranthus ssp.) liegen bis 100 Kopien des Gen für EPSPS vor. Bei Lolium multiflorum wurden bis zu 25 Kopien beobachtet. Die mit diesen Verdoppelungen einhergehende Resistenz beruht auf der gesteigerten Expression bzw. der damit verbundenen erhöhten Proteinmenge der EPSPS (Gen-Dosis-Effekt). Genverdoppelungen führen bei A. palmeri zu einer siebenfach gesteigerten Unempfindlichkeit gegenüber Glyphosat im Vergleich zur empfindlichen Wildtyp-variante.

Neben den genetischen Veränderungen sind noch weitere Resistenzmechanismen bekannt:

a) Einige Wildkräuter z.B. Mohrenhirse (Sorghum halepens) ziehen Glyphosat aus dem Verkehr im dem sie es in die Vakuole transportieren. Diese Vorgänge sind temperatur-abhängig, vererbbar und molekulare Analysen haben gezeigt, dass ein ABC-Transporter an der vakuolen-vermittelten Resistenz beteiligt ist. ABC-Transporter sind eine große Familie von Transmembranproteinen, die eine ATP-bindende Domäne besitzen und demzufolge als energie-abhängige Transportproteine fungieren. Meist handelt es sich um Exporter, die ihre Substrate aus der Zelle oder in die Vakuole befördern. Sie helfen der Pflanze bei der Entgiftung.

b) Das Dreiblättrige Traubenkraut (Ambrosia trifida) antwortet mit einer schnellen Nekrose der Pflanzenteile, die mit Glyphosat belastet sind, so dass eine Ausbreitung des Gifts über das Phloem in der Pflanze eingeschränkt wird. Die Pflanze kann den Angriff mit Glyphosat überleben.

(Sammons and Gaines)

Nach über 40 Jahren der Anwendung von Glyphosat sind verschiedene Mechanismen der Anpassung an Glyphosat gut beschrieben, weitere wissenschaftliche Arbeiten werden das Bild noch ergänzen. Aber schon jetzt können die Sackgassenentwicklungen des Glyphosateinsatzes ausreichend gut beschrieben werden:

  1. Diversitätsrückgang: Resistente Wildkräuter werden in letzter Konsequenz den Einsatz erst von Glyphosat und später den notwendig werdenden Einsatz von alternativen Breitbandherbiziden mit zunehmender Häufigkeit standhalten. In den kommenden Jahren wird mehr Glyphosat auf die Äcker kommen. Der steigende Selektionsdruck wird die Ausbreitung von Resistenzen in der Fläche und bei weiteren Arten vorantreiben. Eine Spirale der Resistenzausbreitung, die vom Antibiotikaeinsatz bekannt ist. Pflanzenarten, die nicht über genetische, biochemische oder physiologische Anpassungsmechanismen verfügen oder deren Bestand ohnehin schon bedroht ist, werden verschwinden.

  2. Resistenz-Präkonditionierung: Die Optimierung der molekulargenetischen Mechanismen zur Anpassung an Herbizide wird durch den großflächigen und intensiven Einsatz von Glyphosat beschleunigt und dies wird zukünftig die Resistenzentwicklung gegenüber weiteren Herbiziden begünstigen. Die Ausprägung von Mehrfachresistenzen wird weiter provoziert.

  3. Sisyphos-Resistenz-Management: Analog zum herbizid-resistenten Ackerfuchs-schwanz (Alopecurus myosuroides), der zwischen Wildtyppopulationen bei fehlendem Selektionsdruck seine physiologischen Nachteile (fitness costs) populations-genetisch kompensieren kann (Darmency et al.), werden sich glyphosat-resistente Wildkräuter in herbizid-freien Biotopen stabil halten, dort ausbreiten und diese Resistenz-Rückzugsgebiete nutzen, um sich evolutionär weiterzuentwickeln.

Literatur:

Darmency H, Menchari Y, Le Corre V, Délye C, Fitness cost due to herbicide resistance may trigger genetic background evolution Evolution. 2015 Jan;69:271-8.

Heap I, International Survey of Herbicide Reistant Weeds (Online 08.03.2016: http://weedscience.org/summary/moa.aspx?MOAID=12).

Sammons RD and Gaines TA; Glyphosate resistance: state of knowledge Pest Manag Sci 2014; 70:1367-77.

Autor: Dr. rer. nat. Volker R. Stoldt (Dr. Stoldt – BiSafe; www.bisafe.de)

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