Ausgleichsfläche: Erfolge und Probleme

Die gute Nachricht zuerst: Die Ansaat auf der AGNU-Ausgleichsfläche für den 2. Abschnitt des Technoparks entwickelt sich trotz der anhaltenden Trockenheit ganz ordentlich.

Kornblumen, Nelken und Rotklee blühen, und die vielen Blüten bringen auch schöne Ergebnisse bei den Insekten: Die Goldene Acht (Colias hyale), ein tpischer Falter trockener Wiesen, ist dort in den letzten Wochen praktisch immer in mehreren Tieren anzutreffen. Und jetzt ist auch der Schwalbenschwanz (Papilio machaon), die größte einheimischen Tagfalterart,  auf der Fläche unterwegs. Die zweite Generation des wohl bekanntesten Schmetterlings konnte ich Mitte Juli bei der Eiablage beobachten und mit dem Handy filmen.

Da es schon seit ein Paar Tagen Beobachtungen frisch geschlüpfter Falter auf der Fläche gab, kann man davon ausgehen, dass sich bereits die Falter der Frühjahrsgeneration im April / Mai auf der frischen Ansaat fortgepflanzt haben. Damit sind bisher bereits 17! Tagfalterarten nachgewiesen, ein schöner erster Erfolg.

Aber wie das halt so geht, schon Berthold Brecht wusste „Die Mühen der Gebirge lagen hinter den Genossen, vor ihnen lagen die Mühen der Ebene“, im vorliegenden Fall der Aufbau einer stabilen Grasnarbe, die konsequente Entwicklung von Altgrasstreifen, Hochstaudenflur und Ackerrandstreifen, und das Zurückdrängen der Problemunkräuter (z.B. Jakobs-Kreuzkraut). Bei den Nachtfaltern und den vielen andern Insektenarten dauert es erfahrungsgemäß viele Jahre bis der Bestand dem einer „normalen“ extensiv genutzten Wiese entspricht. Diese Arten müssen erst einmal den Weg über die Autobahnen, Wohngebiete, Rübenfelder und nicht zuletzt den neuen Technopark finden, und das dauert eben.

Und natürlich ist nicht alles gleich perfekt. Der angelegte „Teich“ konnte das Wasser nicht halten und wurde versetzt und neu verdichtet. Um das Gebiet vor ungebetenen Gästen aller Art zu schützen, musste es zudem eingezäunt werden. Naturschutz auf den Wiesen in der Region geht nicht ohne Zäune, das haben die vielen Beispiele in der Region gezeigt. Alle Landwirte können ein Lied davon singen, und die Landschaftswacht hat jede Menge einschlägige Erfahrungen.

Falls sich das noch nicht herumgesprochen hat: In direkter Nachbarschaft der Fläche, auf dem Parkplatz der A 46, bzw. im Gebiet drum herum, werden Dienstleistungen der besonderen Art angeboten. Und diese „Dienstleister“ wollen wir keineswegs auf den Pachtflächen sehen. Hunde und ihre Besitzer haben auf landwirtschaftlichen Flächen ebenfalls nichts zu suchen, vor allem wenn diese mit dem Ziel angelegt wurden, dort Artenschutz zu betreiben. Bodenbrütende Vögel reagieren da sehr empfindlich, abgesehen davon wollen wir dort in Kürze sauberes Heu ernten. Und zwar ohne Hundekot, Bällchen und Stöckchen und was sich dort noch so alles findet.

Leider halten sich einige nicht an die Spielregeln, und die Folgen sind unschön: Bereits zwei Rehe wurden im frisch gesetzten Zaun tot aufgefunden, ob von frei laufenden Hunden dort hineingetrieben oder nicht, das lässt sich nachträglich wohl nicht mehr klären. Die bisher bestehenden Wildwechsel wurden durch den neuen Zaun vielleicht unterbrochen, hier werden wir uns in den nächsten Wochen etwas einfallen lassen müssen.  Nach Vandalismus mussten zudem die Grenzmarkierungen massiv verstärkt und der Zaun an einer Stelle repariert werden. Das verwendete Zaunmaterial ist im Kreis Mettmann in vielen Kilometern vorhanden, ohne dass es dort zu Tierunfällen kommt. Die ortsansässigen Hasen und auch der Fuchs haben den Dreh mittlerweile schon heraus und schlüpfen problemlos durch die Maschen oder drunter durch.

Die Politik, genauer gesagt die Mitglieder des Stadtrats in Haan, haben in einem offenen und demokratischen Verfahren beschlossen den 15 Hektar umfassenden zweiten Bauabschnitt anzugehen, und die Ausgleichsfläche mitsamt Konzept ist Teil dieser Maßnahme. Übrigens wurde durchaus sportlich geplant, normalerweise muss der Ausgleich VOR dem Eingriff erfolgt sein, und nicht erst wenn die Bagger schon fahren.
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“. Das Zitat stammt von Schiller aus dem „Wilhelm Tell“, und hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Dass sich an den beiden toten Rehen jetzt eine Kampagne gegen die AGNU entzündet ist schon etwas merkwürdig, gegen den riesigen Flächenverlust im Technopark gab es jedenfalls kaum Einwände. Und dass im Umfeld des Technoparks die gewohnten „Hunde-Runden“ nicht mehr so laufen wie vorher, das war abzusehen: Krickhausen, Stropmütze und Gruiten sind keine ruhigen Flecken in idyllischer Landschaft mehr, sondern liegen mitten Herzen des Verkehrsinfarkts im Großraum Düsseldorf.
In jedem Fall hat auf dem eingezäunten Ausgleichsgelände nach der Einzäunung niemand außer dem AGNU-Team mehr etwas zu suchen. Das Betreten von landwirtschaftlichen Flächen ist nach dem Landschaftsgesetz generell verboten, auch außerhalb der Vegetationszeit!

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Spontanexkursion zur Ausgleichsfläche am Technopark

Am vergangenen Freitag Nachmittag trafen sich bei bestem Sommerwetter die AGNUrianer zur kurzfristig angesetzten Besichtigung der frisch angelegten „Wiese“ an der Baustraße zwischen Niederbergischer Allee / Stropmütze und der A 46.
Neben der Vegetationsentwicklung wurden vor allem die sehr zahlreichen Schmetterlinge und Heuschrecken bewundert.

Hier ein paar Bildimpressionen

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Mittel gegen Insektensterben

Mittlerweile hat es sich wahrscheinlich schon herumgesprochen: Die AGNU hat eine Ausgleichsfläche für den gerade entstehenden zweiten Bauabschnitt des Technoparks in Haan unter ihre Fittiche genommen. Die knapp sieben Hektar große ehemalige Ackerfläche liegt im Quellgebiet des Mahnerter Baches zwischen der A 46, Krickhausen und Stropmütze.

Dort haben wir seit April begonnen artenreiches Grünland zu entwickeln, und darüber wird zur gegebenen Zeit ausführlich berichtet werden. Aktuell nur so viel: Selbst für einen hartgesottenen Insektenforscher ist es unfassbar, in welchen Mengen sich die ersten „eigenen“ Schmetterlinge auf der mit Regio-Saatgut eingesäten Fläche entwickeln.

Wer Gelegenheit hat sich das anzuschauen sollte mal dringend nach Feierabend einen Spaziergang über die neue Baustraße machen, ausgehend vom Kreisverkehr an der Gruitener Straße. In dem daneben liegenden toll blühenden Brachstreifen fliegen gerade tausende! von Weißlingen, dazu Tagpfauenaugen, Ochsenaugen und Distelfalter herum. Die Falter haben sich in den letzten Wochen in den brachliegenden Pachtflächen, aber vor allem am eingesäten Schnellbegrüner (Kresse, Leindotter) entwickelt. Von wegen Insektensterben! Ein echter Hingucker!

Wer keine Zeit hat kann sich immerhin vom folgenden Video einen kleinen Eindruck holen.

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Hirschkäfersaison schon voll im Gange

Seit mehr als zehn Jahren sammeln wir über die Webseite der AGNU Meldungen über Hirschkäferfunde aus dem Raum Haan und darüber hinaus. In diesem Jahr sind die Tiere jahreszeitlich besonders früh dran.

Ende Mai füllt sich wie in den vergangenen Jahren mein Postfach mit Meldungen über Hischkäferfunde, das liegt daran dass der vor vielen Jahren entworfene Hirschkäfer-Steckbrief der AGNU bei Google offenbar ziemlich gut gefunden wird. Und die Funde stammen beileibe nicht alle aus der Region, sondern aus ganz Deutschland, und auch ein paar Käfermeldungen aus Kroatien, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden habe ich gesammelt. In diesem Jahr ging es allerdings schon im April los, als aus der Pfalz die ersten Käfer gemeldet wurden.

Hirschkäfer-Männchen, Haan, 30. Mai 2018 (Foto: Armin Dahl)

So warm wie in Bad Dürkheim, Germersheim und Umgebung ist es in Haan noch nicht, aber jetzt ist es dann auch hier so weit, das sommerliche Wetter treibt sie aus dem Boden: Die Flugzeit der größten und beeindruckensten einheimischen Käferarten, der Hirschkäfer, hat vor ein paar Tagen begonnen.
Hirschkäfer gelten als Urwald-Tiere, aber das ist in unserer Region mit Sicherheit falsch: die Vorkommen im Niederbergischen Land liegen in sonnenexponierten Wald- und Gehölzstreifen, zum Teil mitten in den Städten, wie zum Beispiel in Düsseldorf-Gerresheim entlang der Torfbruchstraße. Größere Vorkommen gibt es in Bachtälern mit steilen Hängen wie dem Felderbachtal bei Langenberg oder rund um das Rinderbachtal in Heiligenhaus-Isenbügel. „Unsere“ Haaner und Solinger Hirschkäfer fliegen vor allem rund um das Ittertal, und „rund um“ bedeutet man kann die Tiere mitten in den Stdten weitab der Brutbäume finden, in denen sich die Larven entwickeln. Hirschkäfer fliegen gut, und so haben viele schon mal in Solingen-Wald oder im Haaner Musikanten- und Malerviertel einen Hirschkäfer gesehen.

Aber auch mitten in schön gepflegten Gärten und Parks leben Hirschkäferlarven, meist an alten Baumstubben, die oft nicht komplett ausgefräst sondern einfach mit Erde überschüttet werden. Die Holzart ist den Hirschkäfern dabei mehr oder weniger egal: Neben Eiche und Buche kommen vor allem Kirschbaumwurzeln und viele andere Laubgehölze in Frage, und auch eingegrabene, morsche Palisaden an Spielplätzen sind manchmal bewohnt. Hauptsache die Menge stimmt: Hirschkäferlarven brauchen für ihre mehrjährige Entwicklung ziemlich viel Futter. Kaum aus dem Boden geschlüpft, vollziehen die Tiere das Paarungsgeschäft, und schon im Juli sieht man nur noch selten einzelne Weibchen auf der Suche nach Eiablageplätzen.

A Bucket For A Beetle
À propos Eiablage: Wer Lust hat kann einmal über eine wunderschöne Aktion nachdenken die sich die Briten ausgedacht haben: Dort hat die Hirschkäferpirsch eine lange Tradition, und die gartenverrückten Menschen bieten die „A bucket for a beetle“ an, einen Eimer für einen Käfer. Im Prinzip ist das ein eingegrabener Plastikeimer, in den Holzhäcksel eingefüllt wird, das dort über Jahre in Ruhe verrotten kann. Der Eimer – je größer desto besser – wird von allen Seiten ordentlich durchlöchert, so dass sich kein Wasser am Boden stauen kann und die erwachsenen Larven sich nach draußen graben und in der Erde verpuppen können.  Der Eimer wird bodenbündig eingegraben, gefüllt wird er zu einem Drittel mit Erde und obenauf kommt Laubholzhäcksel /Hackschnitzel. Das findet sich im Frühjahr (leider) haufenweise in vielen Straßenböschungen, oder man holt sich einen Sack voll beim Gärtner oder Förster. Obendrauf und ein paar Holzscheite oder Steine damit man die Stelle wiederfindet, das ganze sollte vor Beginn der Flugsaison im zeitigen Frühjahr angelegt werden. Und dann heißt es warten, und alle paar Monate Hackschnitzel nachfüllen, wenn der Abbau des Holzes einmal eingesetzt hat. Die Weibchen der Hirsch- oder Nashornkäfer riechen das verpilzende Holz und finden den Eimer von selbst. Geduld bracht man vor allem weil die Entwicklung der großen Käferarten über mehrere Jahre geht, Hirschkäfer brauchen bis zu fünf Jahre von der Eiablage bis zum fertigen Insekt.

Bilder und Betriebsanleitungen für den Käfereimer und sogenannte Hirschkäfermeiler finden sich sich im Internet, zum Beispiel über die Webseite des People’s Trust for Endangered Species oder auf ganz normalen Bastelseiten für Kinder . Wer im Garten schon alles hat kann es vielleicht mal mit einem Käfereimer oder einem Totholzstapel versuchen. „Eigene“ Hirschkäfer im Garten erzeugen echte Haaner Gartenlust. Und sie machen keine Arbeit, getreu dem Motto: „Managing for stag beetles is easy; it’s more a case of „leave alone“, than doing something special. It is all to do with providing dead wood.“  London Wildlife Trust (2000)

Hirschkäfer gefunden: und jetzt?
Die Hirschkäfer-Populationen in Deutschland stehen unter Naturschutz. Lassen Sie die Tiere unbedingt in ihrem Lebensraum!
Regelmäßig verirren sich in den Sommermonaten fliegende Hischkäfer in Wohnungen, auf Balkone, landen in Gartenteichen und Regentonnen, werden auf Straßen überfahren oder auf Wanderwegen plattgetreten. Das läßt sich in dichtbesiedelten Regionen nicht verhindern, Verluste gehören zur Überlebensstrategie dieser Art dazu.

Lebende Hirschkäfer
können vorsichtig in eine Schachtel gesetzt, mit Marmelade, Malzbier oder Zuckerwasser aufgepäppelt werden, und sollten dann möglichst in der Dämmerung in den nächsten passenden Wald, Park oder großen Garten gebracht werden. Dort setzt man sie am besten in die Nähe eines Holzstapels oder ins Laub, wo sie rasch verschwinden können. Bitte vorher mit einer Digitalkamera oder dem Handy ein Belegfoto machen und uns mit den Funddaten zukommen lassen, am einfachsten unter hirschkaefer@agnu-haan,  mit Angaben zum Fundort und Datum!

Tote Hischkäfer
bitte ebenfalls unbedingt dokumentieren! Regelmäßig werden zu Beginn der Schlüpf- und Fortpflanzungsperiode sogenannte „Schlachtfelder“ entdeckt, auf denen „Hirschkäfermassaker“ stattgefunden haben. Dabei liegen oft viele Dutzend mehr oder weniger tote Hirschkäfer auf Wegen oder in der Nähe der sogenannten „Rammelbäume“ herum, angefressen von Igel, Waldkauz oder Krähenvögeln. Das gehört mit zur Biologie des Waldes: Nur wo Hirschkäfer wirklich häufig sind, lohnt es sich für bestimmte Tiere, sich darauf als Nahrung zu spezialisieren.

Achtung: Vor allem in der Regentonne oder dem Swimmingpool scheinbar ertrunkene Käfer sollten erst einmal auf ein Küchenkrepp gesetzt und beobachtet werden. Ins Wasser gefallene Käfer können manchmal tagelang überleben, brauchen dann auch viele Stunden um sich zu berappeln!

Ist der Käfer wirklich tot und noch gut erhalten, können Sie auch das nächstliegende Naturkundemuseum verständigen, mit etwas Glück wird man Ihnen das Tier
gerne abnehmen.

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Ohne Raupen keine Schmetterlinge und Vögel!

Die Gespinstmotten marodieren mal wieder. Maßnahmen gegen die Massenvermehrung sind überflüssig.

Die Insekten sind also doch nicht alle gestorben! Aktuell überziehen wieder die einheimischen Gespinstmotten Büsche und Bäume mit ihren Fäden, die weißen Schleier erschrecken Spaziergänger und Anwohner, Behörden und Zeitungen werden mit Anrufen beschäftigt. Der „Gespenstervorhang“ aus feinen Spinnfäden überzieht einzelne Büsche und ganze Baumreihen, und sieht für Unkundige schon ein wenig gruselig aus. Das Phänomen tritt alljährlich in unterschiedlicher Stärke auf – und gehört zur normalen Artenvielfalt dazu.

Gespinstmotten-Raupen verpuppen sich an einem Weißdorn (Foto: Dahl)

Gespinstmotten-Raupen verpuppen sich an einem Weißdorn (Foto: Dahl)

Aus den Raupen, die jetzt im Frühjahr Büsche und Bäume kahlfressen, entwickeln sich in wenigen Wochen die winzigen, jedoch wunderhübschen Gespinstmotten, das Ganze bildet die Nahrungsgrundlage für die einheimischen Vögel, Fledermäuse und eine Vielzahl anderer Arten.

Pfaffenhütchen-Gespinstmotte Y. cagnagella (Foto: Armin Dahl)

Drei Arten sind es, die besonders häufig zu sehen, aber schwer zu unterscheiden sind: Die Traubenkirschen-Gespinstmotte (lat. Yponomeuta evonymella) lebt an der Traubenkirsche, die oft als Straßenbaum im Außenbereich wächst. Der lateinische Name deutet an dass die Art an Euonymus (Pfaffenhütchen) leben soll: ein Fehler des schwedischen Forschers Carl von Linné, der die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Klassifikation schuf.
Die Pflaumen-Gespinstmotte (Yponomeuta padella) findet sich im April und Mai in den meisten Schlehen- und Weißdornhecken.
Yponomeuta cagnagella, die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte, lebt ausschließlich an Euonymus (Pfaffenhütchen).

Alle drei Arten können in guten Jahren (trockenes Frühjahr) Massenvermehrungen machen und überziehen in den letzten Stadien der Raupenentwicklung Büsche und Bäume mit dem unschönen Überzug, der ein wenig wie ein Leichentuch aussieht. Die Raupen schützen sich mit dem Gespinst gegen ihre Fressfeinde, dazu gehören neben den einheimischen Vögeln vor allem die winzigen parasitischen Schlupfwespen, die wichtigsten Gegenspieler der einheimischen als „Motten“ beschimpften Kleinschmetterlinge.

Das alles ist völlig normal und findet jedes Jahr in unterschiedlichem Ausmaß statt, und Grund zur Aufregung besteht keiner. Im Gegenteil! In ein paar Wochen ist der Spuk vorbei, und aus den verpuppten Raupen sind Millionen kleine Gespinstmotten geschlüpft, die wie ein schmales, mit schwarzen Punkten besprenkeltes Reiskorn aussehen.

Kleiner Einschub aus dem Ökologie-Lehrbuch: Nach landläufiger Meinung ist der tropische Regenwald der Platz an dem sich die Pflanzen-Biomasse am raschesten entwickelt. Das ist jedoch falsch, der Platz an dem das Grünzeug in wenigen Wochen geradezu explodiert liegt vor unserer Haustür, in den Mitteleuropäischen Wäldern mit ihren Laubgehölzen, im April und Mai. Und daran angepasst leben die einheimischen Schmetterlinge ein paar Wochen in Saus und Braus, zum Beispiel die beiden Frostspanner-Arten, Eichenwickler und die oben beschriebenen Gespinstmotten.

Und weil das so ist kommen alljährlich Milliarden von Vögeln aus dem Süden zu uns und nehmen den Überschuß an Biomasse dankend in Empfang – wir nennen das Vogelzug. Wer das nicht glaubt, der setze sich mal vor einen Blaumeisenkasten in dem gerade die Jungen gefüttert werden, und schaue eine Viertelstunde zu, was die Eltern an ihre rasant wachsenden Jungen verfüttern: „Motten“-Raupen!

Die Gespinstmotten verpuppen sich irgendwann im Mai, und hängen ein paar Tage im Gespinst als Puppen bis zum Schlupf im Juni. Dann kann man sie überall an Hauswänden herumsitzen sehen, nachts sind die winzigen Falter an Lampen zu finden und fliegen als „Luftplankton“ massenhaft herum.

Und von diesen winzigen Falterchen leben also in ein paar Wochen Schwalben, Mauersegler, Fledermäuse und nicht zu vergessen die einheimischen Spinnen: Die „Motten“ bilden neben anderen die Grundlage der Nahrungspyramide für die einheimischen Vögel und viele andere Arten.

Die Büsche und Bäume sind an dieses Treiben gewöhnt und angepasst. Nach dem Kahlfraß kommt der sogenannte „Johannistrieb“: Blattknospen, die für das nächste Frühjahr angelegt sind, treiben um das Datum des Johannistages am 24. Juni aus. Damit überstehen die Gehölze auch heftige Attacken zum Beispiel durch Maikäfer. Im Juli ist dann alles wieder grün und der Spuk ist für dieses Jahr vorbei.

Mehr zu Gespinstmotten: Lepiforum

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Schneeflüchter: Kiebitze und Drosseln in der Region

Seit ein paar Tagen ist der Winter zurück und der Frühjahrs-Vogelzug zum Stocken gekommen. In meinem Garten und auch an etlichen anderen Stellen der Region zeigt sich das in einem sogenannten „Zugstau“, dabei sieht man Arten in Biotopen in denen sie sich normalerweise nicht aufhalten. So haben sich seit mehreren Tagen etliche Singdrosseln unter die Spatzen an meinem Futterhäuschen gemischt. Auf den wenigen verbliebenen Wiesen und Weiden in der Umgebung sind plötzlich überall Wacholderdrosseln und Rotdrosseln in lockeren gemischten Schwärmen unterwegs, zum Beispiel in Erkrath-Bruchhausen, am Westring in Hilden oder in der Düsselaue bei Gerresheim.
Eine typische „Schneeflucht“, also das ausweichen der Zugvögel vor der überraschenden Kälte im Norden und Osten Deutschlands, gab es in den vergangenen Wintern mangels entsprechender Wetterlagen nicht zu bestaunen.
Aber heute war es dann so weit! Gegen Mittag saßen die ersten Kiebitze auf der eingezäunten Heuwiese am Spörkelnbruch, und suchten dort nach Nahrung. Am Nachmittag dann der vorläufige Höhepunkt: Mehr als 300 Tiere versammelten sich direkt vor meiner Haustür, das gab es noch nie in den 20 Jahren in denen wir hier wohnen!

Schöner Blick aus dem Fenster: Kiebitze im Spörkelnbruch, 18. März 2018 (Foto: Armin Dahl)

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Glyphosat verursacht Antibiotikaresistenz

von Volker Stoldt

Waren die Krebsstudien nur ein Ablenkungsmanöver? AGNU-Mitglied Dr. Volker Stoldt, Zell- und Mikrobiologe an der Uni Düsseldorf und Experte für Biostoffgemische und Biofilme, gewährt uns einen kurzen Blick auf ein brisantes Medizinthema und in die Trickkiste der Agrochemie.

Die Beweisführung zur krebsfördernden Wirkung einer Substanz ist aufwendig und selten frei von Einwänden. Besonders die Vergleichbarkeit von Studien und ihre Statistiken werfen regelhaft Fragen auf. Dies zu nutzen, ist in Abhängigkeit der Interessen weder abwegig noch neu. Im Fall des jetzt EU-weit fortlaufenden Glyphosateinsatzes war es leider erfolgreich.

Ein durch die EU in Auftrag gegebener Prüfungsbericht, zur Frage ob Biozide Auswirkungen auf die Antibiotikaresistenz haben, endete mit einem zweifelsfreien „JA“ (1). Diese, für Mikrobiologen absehbare Bewertung aus dem Jahr 2009, hatte für die Biozidhersteller und -entwickler nachhallende weil teure Konsequenzen. Denn die Beurteilung über die Entwicklung von Resistenzen bzw. Kreuzresistenzen gegen Antibiotika ist heute gemäß der Biozid-Verordnung (2) ein Ausschlusskriterium der Zulassung neuer Biozide. Neue Biozide herzustellen und zu vermarkten ist somit aufwendig und erheblich kostenintensiver geworden. Daher will die Industrie an alten Bioziden festhalten.

Unter dem seit 2013 rechtskräftigen Regelwerk würde Glyphosat heute keine Zulassung mehr erhalten. Denn Glyphosat lässt Bakterien, darunter auch menschliche und tierische Krankheitserreger, die vormals empfindlich gegenüber Glyphosat waren, auch resistent gegenüber klinisch bedeutsamen Antibiotika werden (3).
Van Brugger et al. (4) fassen die Resistenz-Problematik in einem aktuellen Artikel zusammen. Diese Resistenz beruht regelhaft nicht auf spontanen Mutationen der bakteriellen 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat-Synthase (EPSPS), einem für die Biosynthese aromatischer Aminosäuren (Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan) wichtigem Enzym und Wirkort des Glyphosates, sondern basiert auf alternativen Resistenzmechanismen. Denn Bakterien verfügen über verschiedene Mechanismen, um toxische Substanzen u.a. Bioziode zu eliminieren. Dazu zählen z.B. sogenannte zellmembranständige Efflux-Pumpen, die in Abhängigkeit der Konzentration einer toxischen Substanz ihre Zahl in der bakteriellen Zellmembran anpassen können. Ist die Gift-Konzentration hoch, werden mehr dieser Effux-Pumpen benötigt, um die Zelle zu entgiften. Dabei ist es den Efflux-Pumpen egal, welches Gift die Zelle verlässt. Optional werden – wenn nötig – auch Antibiotika hinausgepumpt.

Ein Ergebnis stetig steigender Mengen an Glyphosat gegen resistente Wildkräuter und des Auftretens von Glyphosat in der Nahrungskette ist, dass Umweltbakterien, Darmbakterien und darunter auch verschiedene Krankheitserreger dauerhaft viel Effux-Pumpen zum Überleben vorhalten müssen. Hinzu kommt noch ein zweites Phänomen. Denn unter dem kontinuierlichen starken Glyphosat-Druck (Selektionsdruck) haben die Bakterien einen Vorteil, die genetisch bedingt viel dieser Efflux-Pumpen herstellen, ohne dass sie die Zahl dieser Pumpen Gift- und Konzentration-abhängig hoch regulieren müssen. Diese Anpassung an die Gifte und damit auch an Antibiotika wird bei der Zellteilung vererbt. Diese Bakterien haben auch ohne die Anwesenheit von Glyphosat oder Antibiotika viele Efflux-Pumpen in der Zellmembran und sind somit gut auf antimikrobielle Angriffe durch Gifte und in besonderem Maß auf Antibiotika vorbereitet.

Die richtige Dosierung von Antibiotika ist therapieentscheidend. Nun zeigten Kurenbach et al. (3), dass durch Glyphosat-Konzentrationen, die die Bakterien nicht abtöten, aber die Ausprägung von Efflux-Pumpen fördern, und die so vorbereiteten Bakterien nur mit einer deutlich gesteigerten Antibiotika-Konzentration abgetötet werden.

Standardtherapien mit Antibiotika berücksichtigen a priori das Vorhandensein Glyphosat-induzierter Antibiotikaresistenzen nicht – der Therapieerfolg wird zunehmend zum Glückspiel. Subtherapeutische Antibiotikakonzentration provozieren weitere Antibiotikaresistenzen. Kein Arzt, kein Therapeut ist auf die Situation vorbereitet.

Literatur

1.) „Assessment of the Antibiotic Resistance Effects of Biocides“ Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks, http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_scenihr/docs/scenihr_o_021.pdf
2.) BiozidV EU Nr. 528/2012 vom 1.9.2013, http://www.reach-clp-biozid-helpdesk.de/de/Downloads/CLP-Kompendium/VO_EU_528_2012_nur-Artikel-69-70-und-72.pdf?__blob=publicationFile&v=1
3.) Kurenbach B et al. Sublethal exposure to commercial formulations of the herbicides dicamba, 2,4-dichlorophenoxyacetic acid, and glyphosate cause changes in antibiotic susceptibility in Escherichia coli and Salmonella enterica serovar Typhimurium. MBio. 2015 Mar 24;6(2). pii: e00009-15. doi: 10.1128/mBio.00009-15
4.) Van Bruggen AHC, He MM, Shin K, Mai V, Jeong KC, Finckh MR, Morris JG Jr. Environmental and health effects of the herbicide glyphosate. Sci Total Environ. 2017 Nov 5;616-617:255-268. doi:10.1016/j.scitotenv.2017.10.309.

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